Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

6     Heimatlosigkeit und ein weiterer Umbruch
Der Nationalsozialismus holte Ring im März 1938 ein. Mitte der 1930er Jahre hatte er schon seine deutsche Staatsbürgerschaft verloren, da die zuständige Behörde die Passverlängerung verweigerte; begründet wurde dies mit seiner politischen Vergangenheit. Trotzdem suchten nun führende Nationalsozialisten den Astrologen Thomas Ring zu gewinnen. «Inzwischen … (sollte ich) … für das Dritte Reich … bei Goebbels das Fach ‹Kosmobiologie› übernehmen, der oberste Mann da werden. Und von Rosenberg. Der Bürochef … hat mir einen ganz naiven Brief geschrieben; Rehm heißt er. Er ist dann als Dichter bekannt geworden. Der schreibt naiv: ‹also wir Nationalsozialisten haben noch keine gefestigte Anschauung, aber in Ihren Büchern sehe ich doch undsoweiter›. Und dann also kam die Zeit, wie sie darauf gekommen sind (auf die Staatenlosigkeit – Zus. d. Verf.). Hausdurchsuchung … Schließlich kriegte ich eine Vorladung. Und wie das so ist: ich steck‘ die beiden Briefe ein vom Büro Goebbels und vom Büro Rosenberg … Das war … ein Dreieck: Himmler, Rosenberg und Goebbels … Nun mußte ich da hin, um 10.00 Uhr morgens, und nun ging ein Verhör los … Ich habe dann plötzlich, aus einer inneren Eingebung heraus, die beiden Briefe gezeigt, die mich dann gerettet haben.»→132. Zitiert aus: Ingrid Skiebe (1988), S.151. Ring wurde Mitglied der Reichsschriftumskammer und der Reichskammer der Bildenden Künste; im Zeitraum von 1938 bis 1941 erschienen in deutschen Verlagen fünf seiner Schriften. Erst 1942 begann die Situation für ihn kritisch zu werden. Im Juni 1942 wurde Ring aus der Reichsschriftumskammer ausgeschlossen; begründet wurde dies mit Rings kommunistischer Vergangenheit aber auch mit den volksschädigenden Inhalten seiner astrologischen Schriften, die konfisziert wurden. →233. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.153. Der Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste erfolgte im April 1943. In diesem Jahr sollte der Einundfünfzigjährige zu einem Strafbataillon nach Norwegen abkommandiert werden. Der Initiative Hans Benders war es zu verdanken, dass diese Bedrohung abgewendet werden und Ring eine Stelle an der Universität Strassburg antreten konnte, wo damals neben Bender unter anderen auch Carl Friedrich von Weizsäcker lehrte. Ring wurde Direktor des von Friedrich Spieser gestifteten grenzwissenschaftlichen «Paracelsus-Institutes», das dem Psychologischen Institut der Reichsuniversität angegliedert war. Über seine Tätigkeit dort ist wenig bekannt; 1944 erschien sein Aufsatz «Der Umbruch ins organische Denken» in den «Straßburger Monatsheften». Verdienstvoll war sein Einsatz, der den Verbleib wertvoller Bestände der Universitätsbibliothek betraf: «alte französische Literatur, Erstausgaben von Rimbaud, Voltaire und Lautréamont undsoweiter … 300 Sachen etwa»→334. Zitiert aus: Ingrid Skiebe (1988), S. 167f. bewahrte Ring vor dem Zugriff der NS-Sicherstellung von Kulturgut. Als Ende November 1944 die Alliierten Strassburg einnahmen, wurden Thomas und Gertrud Ring als «Reichsdeutsche» aufgegriffen und vorerst im ehemaligen NS-Lager Struthof, dann im Lager St. Sulpice la Pointe interniert, wo Gertrud Ring am 15. Februar 1945 verhungert ist. Erst Anfang 1946 gelangte Ring auf abenteuerliche Weise aus der französischen Gefangenschaft, im Frühjahr dieses Jahres kehrte er nach Graz zurück. Seine beiden Söhne waren zwar an der Front verwundet worden, hatten den Zweiten Weltkrieg aber überlebt. Sich auf das «Aspektgerüst» seines Geburtsbildes beziehend schreibt Ring: «ich befinde mich im permanenten Kriegszustand mit Übergrifflichkeiten und Täuschungen meiner Epoche, angestachelt durch die im Wesenskern aufschießenden Höchstforderungen, denen die Vision eines neuen, lebenswerten Menschenbildes vor Augen steht.»→435. Thomas Ring, Selbstdeutung; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 26.

Fußnoten   [ + ]

1. 32. Zitiert aus: Ingrid Skiebe (1988), S.151.
2. 33. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.153.
3. 34. Zitiert aus: Ingrid Skiebe (1988), S. 167f.
4. 35. Thomas Ring, Selbstdeutung; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 26.