Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

5     Astrologie als philosophische Anthropologie
Hatte er mit seinem Erstlingswerk und auch mit «Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt» (1939) Arbeiten vorgelegt, die für die astrologische Praxis Relevantes bieten, widmet sich Ring teilweise schon in «Planeten-Signaturen» (1938), dann in den ebenfalls in Graz verfassten Schriften «Das Sonnensystem – ein Organismus» (1939), «Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums» (1939) und «Der Mensch im Schicksalsfeld» (1941) ausschließlich den fundamentalen astrologischen Fragen und Problemen. Die zuletzt genannten drei Schriften wurden von der Deutschen Verlags-Anstalt veröffentlicht. Darin nimmt er nicht nur Bezug auf Ergebnisse der modernen naturwissenschaftlichen Forschung, er sucht auch erstmals in einem umfassenderen Sinn einen philosophischen Entwurf zu formulieren, der den Boden für die ernsthafte Diskussion astrologischer Fragen und Probleme, jenseits von Polemiken, bilden sollte. «Ende der dreissiger Jahre und anfangs der vierziger Jahre sind es dann drei nicht mehr leicht lesbare Bücher, die zudem erst einen Teil von dem enthalten, was Rings Astrologie geworden ist. […] Während die „Astrologische Menschenkunde“ in ihren vier Bänden wie ein fertiges Haus ist, durch das man bewundernd geht, dessen gründliche Ordnung und dessen Reichtum an Räumen man bestaunt, so sind diese früheren drei Bücher wie die Baustelle, wo Fundament-Arbeiten noch im Gang sind, wo der Riss, das Gefüge des Bauplanes noch sichtbar ist, wo die Anstrengung, ein solches Haus zu errichten, noch spürbar ist, und wo – in wunderbarer Durchführung – schon einiges ganz klar und vollendet steht. […] Was diese drei Bücher, die im Grunde die Summe von Rings astrologisch-philosophischem Schaffen bis anfangs der vierziger Jahre enthalten, noch gemeinsam haben, ist dies: Sie wenden sich nicht an den Astrologen, der in seiner praktischen Arbeit aufgeht, sondern sie suchen die Auseinandersetzung mit den führenden philosophischen und einzelwissenschaftlichen Geistern unserer Zeit. 1940 war Ring 48 Jahre alt, auf der Höhe seiner noch jugendlichen geistigen Schaffenskraft, und wohl auch noch voller Erwartung, gelesen, gehört und ernst genommen zu werden. Wenig davon ist geschehen. In seinem späteren Werk, das sich doch gelassener dafür hergibt, den Astrologiebeflissenen auch nützlich zu sein (die Verlage pochten darauf), ist nicht mehr das Ungestüme, Weitausholende seines zugreifenden philosophischen Wesens leitend, es herrscht mehr die Ruhe eines Wissens, das sich – seit Jahrzehnten mit sich selbst unterwegs – in grossen Bogen ausbreitet, darlegt und um seine Bedeutung weiss.»→130. Bruno von Flüe (1993/1), S. 10. In seiner gestalttheoretischen Untersuchung «Das Sonnensystem – ein Organismus» tritt Rings Sinn für das Strukturelle klar vor Augen. Hinsichtlich des Ordnungshaften im Komplexen ist das Sonnensystem ihm Modell für das komplexe Zusammenspiel der morphologischen Bildekräfte in (irdischen) Lebensformen. Damit ist schon der Hinweis auf das Thema von «Das Lebewesen im Rhythmus des Weltalls» gegeben, in dem Ring, den Gedanken entwickelnd, dass sich Leben eingepasst in Rhythmen entfaltet, sich verstärkt auf biologische, geo- und kosmophysikalische Forschungsergebnisse bezieht. In dem 560 Seiten umfassenden Werk «Der Mensch im Schicksalsfeld» stellt sich Ring dem Freiheitsproblem und formuliert erstmals umfassend die zehn Planeten-Prinzipien als Bildekräfte des Aufbaus von Mensch und Natur; von Flüe spricht von einem Markstein innerhalb der modernen Astrologie: «Alles Wesentliche der Neuformulierung der alten ‹Planeten› (und diese waren und sind das Herzstück jeder Astrologie) ist hier in beispielhafter Klarheit und unter Einbeziehung der wichtigsten Ergebnisse von Jungs archetypischer Psychologie vollzogen. Es hat noch nicht das Abgeklärte längst zurückliegender Einsichten; man spürt im Ausholenden seiner Gliederung noch die Anstrengung des Begriffs, die Arbeit der geistigen Durchdringung. Es nimmt wenig Rücksicht auf den Leser, aber umso unmittelbarer ist es ein Produkt aus den entscheidenden Jahren von Rings Werkstatt.»→231. Bruno von Flüe (1988), S. 120.

Fußnoten   [ + ]

1. 30. Bruno von Flüe (1993/1), S. 10.
2. 31. Bruno von Flüe (1988), S. 120.