Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

Seine ideologisch linksgerichtete Orientierung fand auch in den astrologischen Arbeiten dieser Zeit ihren Ausdruck; von Flüe schreibt zu Rings damaliger Ausrichtung, dass für diesen die Prinzipien der Astrologie nun Schlüssel zu Einsichten seien, die auf einer hohen Stufe der Abstraktion die Gestaltformen und Bewegungen des Weltgeistes in Natur und menschlicher Gesellschaft aufzeigten: «Sein Denken wendet sich in eindrücklicher Weise nach Aussen, ins Stoffliche der Natur, in den Aufbau des Sozialen. Aus diesen Jahren gibt es in seinem Nachlass auch Texte zur Mundanastrologie. ‹Die Organik des Völkerlebens vom Blickpunkte der Astrologie› heisst ein Aufsatz von 1928, ‹Saturn in der Materie› ein anderer von 1929. Das dialektische Denken von Hegel und Marx sind ebenso wie Freuds Psychoanalyse in dieser Zeit wichtige Referenz-Systeme. 1932 erscheint ein Aufsatz ‹Astrologie und Dialektik›. Dem Mechanismus einer linearen Verstandeslogik wird das Schöpferisch-Spannungsvolle des dialektischen Denkens entgegengestellt – und ebendieses sieht Ring in der polaren Gegensatz-Thematik des Tierkreises verwirklicht. Beeindruckend ist dieser Text in seiner durchdringenden Klarheit und Systematik, aber auch in seiner spekulativen Kraft. […] Fast 50 Jahre später hat Ring diesen Text wieder gelesen und ihm einige Bemerkungen beigefügt. Ich zitiere: ‹Nach meinen heutigen Begriffen unter die kritische Lupe genommen versteht der Aufsatz die kreisläufige Ordnung zu einseitig vom oberen Meridian her. Das besagt: der Mensch wird vorwiegend sozialgeschichtlich betrachtet, ohne Berücksichtigung seiner privaten und naturhaften Regungen. Ich versuchte von da her diese Ordnung begreiflich zu machen mit deutlicher Wendung zur marxistischen Anschauungsweise, für deren Vertreter die Astrologie ein indiskutables Ueberbleibsel aus vorwissenschaftlichen Anschauungen war. Ich sah aber damals im politischen Ausdruck dieser Anschauung die einzige Gegenkraft, welche der herannahenden faschistischen Welle standhalten konnte … Entscheidend für meine damalige Sichtweise ist vielleicht, dass der Aufsatz vor meiner Begegnung mit Nicolai Hartmann und seiner Kategorienlehre geschrieben wurde. Ich sah noch nicht deutlich den Unterschied, der darin liegt, ob man einen Schichtenbau von Seinsebenen sieht, worin die materielle Ebene und ihre Kategorien den Unterbau bilden, oder ob man einen Materialismus annimmt, der hiervon die Kategorien der oberen Schichten ableitet›.»→127. Bruno von Flüe (1993/1), S. 8f.
Im Laufe des Jahres 1931 mag sich Rings Hoffnung, die er in seine Tätigkeit als proletarisch-revolutionärer Dichter gesetzt hatte, mehr und mehr zerstört haben. Die Zeichen der Zeit in Deutschland erkennend emigriert er mit seiner Familie Ende 1932 nach Österreich. Damit fand sein politisches Engagement in gewisser Hinsicht ein Ende. Mit der Emigration endete die fruchtbarste Phase des Malers. Neben kubistischer, futuristischer und konstruktivistischer Einflüsse ist das bildnerische Werk der 1920er Jahre vor allem auch Ausdruck von Rings vielseitigen Studien, deren Zentrum seine intensive Auseinandersetzung mit der Astrologie bildet. Skiebe resümiert, dass der Maler Thomas Ring zwar keinen führenden Platz innerhalb der künstlerischen Avantgarde der 1920er Jahre einnahm, aber dennoch an ihren Brennpunkten gestanden habe.→228. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.326. In Österreich lebte die Familie vorerst in Baden bei Wien; im Frühjahr 1933 zog sie ins entlegene Johnsbach im steirischen Gesäuse, wo Ring an seinen «astrologischen Lehrbriefen» arbeitete. Um ihrem ältesten Sohn eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, siedelten die Rings im September 1934 nach Graz. In der steirischen Landeshauptstadt fand Ring Kontakte zu Erich Hönig, Rudolf Pointner, Fritz Silberbauer, Alfred Graf Wickenburg u.a., die zur avantgardistischen Künstlervereinigung «Sezession Graz» zählten;→329. Bilder von Thomas und auch von Gertrud Ring waren in der Ausstellung «Moderne in dunkler Zeit. Widerstand, Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933-1945» zu sehen, die vom 24. März bis 30. Juni 2001 in der «Neuen Galerie» am Landesmuseum Joanneum in Graz gezeigt wurde. Vgl. dazu: Die biographischen Skizzen zu Gertrud und Thomas Ring von Günter Eisenhut im Katalog zur Ausstellung: Moderne in dunkler Zeit, hg. von Peter Weibel und Günter Eisenhut, Graz 2001, S. 342-352. 1937 war er an einer ihrer Ausstellungen beteiligt. Im Vordergrund standen jedoch seine astrologischen Studien; ihren Lebensunterhalt verdienten Thomas und Gertrud Ring mit astrologischer Beratungstätigkeit. Einen Namen hat sich Ring in Graz als Astrologe, nicht jedoch als Künstler, gemacht.

Fußnoten   [ + ]

1. 27. Bruno von Flüe (1993/1), S. 8f.
2. 28. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.326.
3. 29. Bilder von Thomas und auch von Gertrud Ring waren in der Ausstellung «Moderne in dunkler Zeit. Widerstand, Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933-1945» zu sehen, die vom 24. März bis 30. Juni 2001 in der «Neuen Galerie» am Landesmuseum Joanneum in Graz gezeigt wurde. Vgl. dazu: Die biographischen Skizzen zu Gertrud und Thomas Ring von Günter Eisenhut im Katalog zur Ausstellung: Moderne in dunkler Zeit, hg. von Peter Weibel und Günter Eisenhut, Graz 2001, S. 342-352.