Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

4     Im Umkreis des «Sturm»
Rings künstlerischer Hintergrund scheint in manchen seiner astrologischen Beiträge dieser Jahre durch; beispielsweise in «Kunstbetrachtung und Individualität» (1927) oder in «Zur Astrologischen Analyse des Kunstschaffens» (1928); seine Deutung des Horoskops des Malerfreundes Otto Dix wurde 1926 veröffentlicht. Rings bildnerisches Werk→1Eine Auswahl des bildnerischen Werkes – vornehmlich der 1920er Jahre – findet sich im Duisburger/ Grazer Katalog (1988) und im Katalog zur Ausstellung «Thomas Ring – Retrospektive» (1993), die in der «Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen», vom 18. September bis 14. November 1993, und im Museum der Stadt Ettlingen, vom 28. November 1993 bis 2. Jänner 1994, gezeigt wurde. der 1920er Jahre im allgemeinen kann nicht von seinen vielseitigen Studien getrennt betrachtet werden, worauf auch Skiebe in ihren Ausführungen zur künstlerischen Konzeption, zu kunsttheoretischen Vorstellungen und zur Formensprache Rings eindringlich verweist. Sein künstlerischer Zugang und seine Gabe das Wesentliche komplexer Zusammenhänge in einem Ordnungsgefüge klar und deutlich auszudrücken, zeigt sich in seiner Darstellungsart von Horoskopen; seine Horoskopzeichnungen können jedenfalls als Kunstwerke betrachtet werden.→224. Den 100. Geburtstag von Ring nahm der Vorstand der Thomas Ring-Stiftung zum Anlass, eine Auswahl von 48 Horoskopzeichnungen Rings als Faksimiledrucke vorzulegen; vgl. dazu: Thomas Ring, Strukturbilder genialer Menschen. Ausgewählt aus seiner Sammlung und herausgegeben von der Thomas Ring-Stiftung, Zürich 1992. Auch in seiner Lyrik thematisiert er Astrologisches; an dieser Stelle sollen daraus nur zwei Beispiele angeführt werden: 1925 entstand der Zyklus «Rund um die Liebe»; in 12 Erzählungen – Riesin Weltstärke, Das Kakteenfräulein, Das vertippte Zebra, Königin Goldspinst im Monde, Die Dame aus dem Mittelpunkt, Die Jungfrau mit der Schlinge, Leckerspass, Das gebrühte Gliedertier, Das Flittchen vom Schützenplatz, Die Beamtin ihres Geschlechts, Rundflünkchen und Prinzessin Seidopo – wird (die astrologische) Venus gespiegelt in den astrologischen Tierkreiszeichen skizziert; diesen ironischen Texten fügte er 12 Graphiken bei. Ein mehrjähriger Arbeitsprozess an dem umfangreichen Gedichtzyklus «Die Olympische Wiederkehr» fand im Jahre 1963 seinen Abschluss; dieser wurde mit sechs Federzeichnungen des Autors allerdings erst 1985 veröffentlicht. Darin werden die morphologischen Ganzheitskräfte in Bildern und Gestalten des griechischen Mythos erfasst. Den Ursprung dieses Weltbildes sah Ring in der Einheit von Schau- und Denkkraft; die Auffindung und die Bestimmung des eigenen «Daseinsgesetzes» sind ihm die wesentlichen Elemente des Mythos. In dichterischer Form fand seine philosophische Aussage wohl in diesem Zyklus ihre klarste Gestalt.
Während seiner Kriegsgefangenschaft hatte sich eine verstärkte Hinwendung zum Bildnerischen abgezeichnet. Der «Sturm» war auch für den Maler und Zeichner die erste Anlaufstation; im Sommer 1920 wurden 34 Werke Rings im Rahmen der 88. Ausstellung der «Sturm»-Galerie gezeigt; beteiligt war Ring dann auch bei den zwei folgenden «Sturm»-Ausstellungen. Die Juryfreie Kunstschau Berlin, die eng mit den «Sturm»-Kreis verknüpft war, bot Ring ebenfalls die Gelegenheit sein bildnerisches Werk zu präsentieren. Vertreten war er unter anderem noch in fünf der «Großen Berliner Kunstausstellungen» während der 1920er Jahre. Als «Sturm»-Künstler trat er aber nicht nur als Literat und Maler, sondern 1925/26 auch als Grotesktänzer im «Sturm»-Kabarett auf, begleitet von seiner Frau Gertrud am Klavier. Der «Sturm» mit seinen Institutionen blieb jedoch nicht mehr ausschließlich Heimat für den Künstler, der sich Anfang der 1920er Jahre für kurze Zeit der «Novembergruppe» anschloss aber auch mit der Weimarer «Bauhaus»-Gruppe Kontakt pflegte. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen verliert die anfängliche von Walden geprägte Kunstauffassung – Kunst ist immer die persönliche Gestaltung eines persönlichen Erlebnisses – an Bedeutung, was sich in seinem literarischen Schaffen ab Mitte der 1920er Jahre deutlich zeigt. «Das dichterische Werk Thomas Rings aus den Jahren 1916 bis 1933 spiegelt exemplarisch die Wandlung vom Nur-Künstler zum politisch nicht nur wachen, sondern auch engagierten Künstler.»→325. Volker Pirsich (1987), S. 7. Damit ist Ring auch ein Beispiel für die Politisierung des «Sturm»-Kreises im allgemeinen; in den Zeitschriften «Der Sturm» und «Die Tat» trat er als kulturkritischer und politischer Essayist in Erscheinung. Die Möglichkeit als Künstler und Intellektueller gesellschaftsverändernd wirken zu können, scheint Ring in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre dazu bewogen zu haben, in diesem Sinne verstärkt tätig zu werden. Im Sommer 1927 trat er der KPD bei. Seine politisch-künstlerische Agitation fand vorwiegend in Aufsätzen, Dramen und Gedichten ihren Ausdruck, die vor allem in der führenden kommunistisch-orientierten Literaturzeitschrift «Die Linkskurve», der kommunistischen Zeitung «Die Rote Fahne» und in «Das Rote Sprachrohr», dem Zentralorgan des deutschen Arbeiter-Theater-Bundes, veröffentlicht wurden. Engagiert hat sich Ring im Rahmen des organisierten politisch-revolutionären Laientheaters, der Agitprop-Bühne;→426. Sieht man von seiner Beteiligung an der Agitationspropaganda ab, ließ sich am Theater keine der Unternehmungen realisieren, die Ring am Herzen lagen. Geplante Aufführungen von Rings Dramen an der Piscator-Bühne scheiterten Ende der 1920er Jahre aufgrund finanzieller Probleme; die Inszenierung seines Dramas «Irre oder So wie du denkst, so ist’s noch lange nicht!», das 1929 entstanden ist, kam im Jahre 1932 nicht zustande. als Leiter der Agitproptruppe «Rote Sensen» war er mit der Landagitation befasst.

Fußnoten   [ + ]

1. Eine Auswahl des bildnerischen Werkes – vornehmlich der 1920er Jahre – findet sich im Duisburger/ Grazer Katalog (1988) und im Katalog zur Ausstellung «Thomas Ring – Retrospektive» (1993), die in der «Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen», vom 18. September bis 14. November 1993, und im Museum der Stadt Ettlingen, vom 28. November 1993 bis 2. Jänner 1994, gezeigt wurde.
2. 24. Den 100. Geburtstag von Ring nahm der Vorstand der Thomas Ring-Stiftung zum Anlass, eine Auswahl von 48 Horoskopzeichnungen Rings als Faksimiledrucke vorzulegen; vgl. dazu: Thomas Ring, Strukturbilder genialer Menschen. Ausgewählt aus seiner Sammlung und herausgegeben von der Thomas Ring-Stiftung, Zürich 1992.
3. 25. Volker Pirsich (1987), S. 7.
4. 26. Sieht man von seiner Beteiligung an der Agitationspropaganda ab, ließ sich am Theater keine der Unternehmungen realisieren, die Ring am Herzen lagen. Geplante Aufführungen von Rings Dramen an der Piscator-Bühne scheiterten Ende der 1920er Jahre aufgrund finanzieller Probleme; die Inszenierung seines Dramas «Irre oder So wie du denkst, so ist’s noch lange nicht!», das 1929 entstanden ist, kam im Jahre 1932 nicht zustande.