Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

In den 1930er Jahren lernte Ring Francé in Graz persönlich kennen.)) von der «Siebenheit» handelt, die denknotwendig für jeden Organismus erforderlich sei – so lautet eine Kapitelüberschrift. Francés Beschreibungen dieser sieben Lebensgesetze stimmen im wesentlichen mit den Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition überein – Entität (Sonne), Integration (Saturn), Funktion (Mond), kleinstes Kraftmaß (Merkur), Selektion (Mars), Optimum (Jupiter) und Harmonie (Venus) –, die von Ring im allgemeinsten Sinne als morphologische Ganzheits- bzw. Bildekräfte gedacht werden und als solche den Kern seines organisch-kosmologischen Denkens bilden. Der universelle Gültigkeitsanspruch drückt sich deutlich in der schmalen Schrift «Planeten-Signaturen» (1938) aus, in der Ring Charakteristika dieser Gestaltbildekräfte in folgenden drei Bereichen darlegt: im künstlerischen Ausdruck (Form, Farbe, Linie und Handschrift), in der Natur (Pflanze, Landschaft und Tier) und in der menschlichen Physiognomie. Seiner Anschauung gemäss wäre von einem kosmischen Gegründetsein des Wesens zu sprechen. Die Entfaltung dieser «Ganzheitskräfte», die er im seelisch-geistigen Bezug «Wesenskräfte» nennt, ist eingepasst in Perioden, für die Bewegungen der astronomischen Himmelskörper unseres Sonnensystems als «Modell» betrachtet werden. Im Zuge seiner psychologischen Studien hat Ring sich vor allem mit den Auffassungen von Sigmund Freud und C.G. Jung auseinandergesetzt. Astrologie als eine Art von Psychologie zu betrachten, ist heute zwar weitverbreitet, Ring hat diese Meinung jedoch nicht geteilt. Astrologie ist ihm Philosophie. «Die Lehre vom Grundgefüge aufzufassen als psychologische Deutung kosmobiologischer Zusammenhänge – für viele naheliegend – wäre unzureichend und falsch. Es hieße die Psychologie überfordern mit Urteilen über derartige Zusammenhänge, ihr damit einen Rang einräumend, der ihr nicht zukommt. Gestellt wird die Frage der kosmischen Zusammenhänge überhaupt, bezogen auf das irdische Leben, was auch den Menschen von Zeugung und Geburt an dem Welthintergrund verwoben zeigt.»→118. Thomas Ring, Das Grundgefüge, Freiburg i.Br. 1986, S. 9. Hinsichtlich seiner Klärung der ontologischen Frage ist Rings Auseinandersetzung mit dem Werk von Nicolai Hartmann bedeutend; Rings Theorie der vier Seinsebenen des Materiellen, Organischen, Seelischen und Geistigen ist eng mit den klassischen vier astrologischen Elementen – Erde, Feuer, Wasser, Luft – verknüpft. In Zusammenhang mit befruchtenden Begegnungen» nennt Skiebe unter anderem auch Gebser. →219. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.195. Hinsichtlich der Bedeutung der von ihr Genannten für Rings Auffassung und der Ausformung seiner Konzeption ist ihren Aufzählungen jedoch keine Wertung zu entnehmen. Nach meinem Erachten hatte Jean Gebser keinen nennenswerten Einfluss auf Rings Werk. →320. Gebser, der Anfang der 1940er Jahre einige der astrologisch-philosophischen Schriften von Ring gelesen hatte, schrieb in der vierten überarbeiteten Fassung der «Abendländischen Wandlung» (1956), dass Ring der bedeutendste Kosmobiologe unserer Tage sei. Persönlich lernten sich die beiden wahrscheinlich im Jahre 1953 kennen. Der Parapsychologe Hans Bender initiierte ein Treffen im Luchle, der von ihm erhoffte (intensive) Gedankenaustausch zwischen Thomas Ring und Jean Gebser blieb allerdings aus. (Vgl. dazu: Elmar Schübl, Jean Gebser und die Frage der Astrologie. Eine philosophisch-anthropologische Studie auf der Grundlage der astrologischen Auffassung von Thomas Ring, Schaffhausen 2003, S. 15f. und 87f.) Bender, der Ring einiges verdankte, schrieb 1986: «Als ich ihm am Ende der zwanziger Jahre in Berlin begegnete, war schon faszinierend zu spüren, daß sich in dem ‹Astrologen›, den ich aufsuchte, Denken, Schauung und Erfahrung in einer unmittelbar überzeugenden Weise verbanden. Es war der Anfang einer Verbundenheit, die sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckte. Die Evidenz astrologischer Analysen, mit denen Thomas Ring wichtige Situationen meines Lebens und mir Nahestehender erhellte, gehört zu der stärksten Motivation meines Entschlusses mich den Grenzgebieten zuzuwenden.» Hans Bender, Thomas Ring zum Gedächtnis; in: Thomas Ring, Das Grundgefüge, Freiburg i.Br. 1986, S. 191.
1925 erschien Rings erste astrologische Schrift «Die Überwindung des Schicksals durch die Astrologie». →421. Diese Schrift wurde als dritter Teil im schmalen Sammelband «Frühe astrologische Schriften» (1995) wieder abgedruckt; berücksichtigt wurden weiters «Planeten-Signaturen» (1938) und «Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt» (1939). In diesem Sammelband sind die Vorworte gekürzt abgedruckt und die Schriften selbst leider teilweise verändert («die Schreibung dem heutigen Gebrauch angepaßt») worden. Bruno von Flüe schreibt, dass diese Arbeit trotz ihres Anfangscharakters, die Intuition und hohe Begabung des Autors für Analyse und Synthese der Gestaltfaktoren im Geburtsbild bereits erkennen ließe. «Manches, vor allem das intellektuell denkerisch Erfaßte, ist schon in großer Klarheit da: die Betonung der Freiheit des Einzelnen, die Aussage-Grenzen (bezogen auf konkrete Umwelt, erbliches Potential und selbstbestimmenden Faktor) und auch die Idee einer wachsenden Ausgestaltung des Anlagen-Gefüges. Was noch fehlt, geht einem beim Lesen dieses Büchleins ebenfalls auf: auf 78 Seiten wird das Ganze der Astrologie durchaus handlich vorgeführt, und dies in einer Sprache entschlossen zugriffiger Erkenntnis-Schematik. Das noch vereinfachend Enge dieser sprachlichen Durchführung steht im Kontrast mit der Weite des Geistig-Grundsätzlichen. Die Ausweitung in die menschliche Tiefenperson, in die Räume des Organischen und Seelischen, vollzog sich langsam, brauchte Zeit, und das umso mehr, als Ring hier nun Pionier-Arbeit zu leisten hatte.»→522. Bruno von Flüe, Das astrologische und philosophische Werk von Thomas Ring; in: Thomas Ring (1892-1983), Duisburg 1988, S. 119. Von 1925 bis 1932 erschienen regelmäßig astrologische Beiträge Rings unter anderem in «Astrologische Blätter» (Monatsschrift für Forschung und praktische Arbeit auf allen Gebieten der wissenschaftlichen Astrologie. Organ der Berliner und Hamburger Astrologischen Gesellschaft) – deren Titelzeichnung er gestaltete –, «Die Astrologie», «Sterne und Mensch», «Zeitschrift für Menschenkunde», «Jahrbuch für kosmobiologische Forschung», aber auch in dem Periodikum «Die Tat», das vom Verleger Eugen Dietrichs gegründet worden war. Thomas Ring zählte zum Vorstand der «Deutschen Kulturgemeinschaft zur Pflege der Astrologie. Wissenschaftliche Gesellschaft zur Durcharbeitung des Problems der Astrologie mit den Mitteln heutiger Erkenntnis», dem unter anderen auch Heinz Artur Strauß angehörte.

 

Fußnoten   [ + ]

1. 18. Thomas Ring, Das Grundgefüge, Freiburg i.Br. 1986, S. 9.
2. 19. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe (1988), S.195.
3. 20. Gebser, der Anfang der 1940er Jahre einige der astrologisch-philosophischen Schriften von Ring gelesen hatte, schrieb in der vierten überarbeiteten Fassung der «Abendländischen Wandlung» (1956), dass Ring der bedeutendste Kosmobiologe unserer Tage sei. Persönlich lernten sich die beiden wahrscheinlich im Jahre 1953 kennen. Der Parapsychologe Hans Bender initiierte ein Treffen im Luchle, der von ihm erhoffte (intensive) Gedankenaustausch zwischen Thomas Ring und Jean Gebser blieb allerdings aus. (Vgl. dazu: Elmar Schübl, Jean Gebser und die Frage der Astrologie. Eine philosophisch-anthropologische Studie auf der Grundlage der astrologischen Auffassung von Thomas Ring, Schaffhausen 2003, S. 15f. und 87f.) Bender, der Ring einiges verdankte, schrieb 1986: «Als ich ihm am Ende der zwanziger Jahre in Berlin begegnete, war schon faszinierend zu spüren, daß sich in dem ‹Astrologen›, den ich aufsuchte, Denken, Schauung und Erfahrung in einer unmittelbar überzeugenden Weise verbanden. Es war der Anfang einer Verbundenheit, die sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckte. Die Evidenz astrologischer Analysen, mit denen Thomas Ring wichtige Situationen meines Lebens und mir Nahestehender erhellte, gehört zu der stärksten Motivation meines Entschlusses mich den Grenzgebieten zuzuwenden.» Hans Bender, Thomas Ring zum Gedächtnis; in: Thomas Ring, Das Grundgefüge, Freiburg i.Br. 1986, S. 191.
4. 21. Diese Schrift wurde als dritter Teil im schmalen Sammelband «Frühe astrologische Schriften» (1995) wieder abgedruckt; berücksichtigt wurden weiters «Planeten-Signaturen» (1938) und «Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt» (1939). In diesem Sammelband sind die Vorworte gekürzt abgedruckt und die Schriften selbst leider teilweise verändert («die Schreibung dem heutigen Gebrauch angepaßt») worden.
5. 22. Bruno von Flüe, Das astrologische und philosophische Werk von Thomas Ring; in: Thomas Ring (1892-1983), Duisburg 1988, S. 119.