Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

3     Die Begegnung mit der Astrologie
Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft kehrte Ring nach Berlin zurück. In der «Sturm»-Kunstbuchhandlung lernte er deren damalige Leiterin Gertrud Schröder (15.5.1897-15.2.1945) kennen; ihrer Bekanntschaft erwuchs rasch Liebe, die beiden heirateten schon im November 1920; im Jänner 1922 wird Erp und im Jänner 1927 ihr zweiter Sohn Thore geboren. Die Bedeutung Gertrud Rings für das Lebenswerk ihres Mannes kann kaum überschätzt werden; sie ist ihm zur treibenden und disziplinierenden Kraft geworden. Im Jahre 1945, noch im Internierungslager von St. Sulpice, wo Gertrud Ring verstarb, schreibt Thomas Ring: «Können denn Worte jemals schildern, was diese Frau mir war und ist? Nur ein großes Werk vermöchte herausstellen, was geliebtes Leben von 25 Jahren in mich gesenkt und in mir verändert hat.»→110. Zitiert aus: Erp Ring, Gertrud Ring, 15. Mai 1887-15. Februar 1945; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1997/2, S. 23. Berlin, Anfang der 1920er Jahre, stellte im Leben des achtundzwanzigjährigen Künstlers eine Zäsur dar. «Fünfeinhalb Jahre Krieg durchgestanden, immer draußen, wenn man sich nicht im Lazarett oder hinter Stacheldraht befand, ich mußte etwas tun. … Wer aus dem Felde kam, war bereit, alle Grundformulierungen in Frage zu stellen.»→211. Zitiert aus: Volker Pirsich (1987), S. 36f. In diesem Prozess der Neuorientierung gewinnt seine Auseinandersetzung mit der Astrologie immer mehr an Gewicht. Anfänglich meinte Ring in ihr einen überholten Irrtum zu erblicken, er selbst bezeichnete sich manchmal als «ungläubigen Thomas»→312. Vgl. dazu: Erp Ring, Thomas Ring und die Astrologie zwischen 1920 und 1945; in: Thomas Ring, Frühe astrologische Schriften, Zollikon 1995, S. 224.. Im künstlerischen Kreis, in dem er sich bewegte, war die Beschäftigung mit Astrologie nicht ungewöhnlich; sie fand unter anderem bei seinen Freunden Herwarth und Nell Walden, Sophie van Leer, Otto Nebel, Georg Muche und Hannah Höch Interesse. Zwar hatte bereits die Lektüre von Kepler und Paracelsus sein astrologisches Interesse geweckt, einen letzten Anstoß, der zu Rings astrologischen Studien führte, mag jedoch Muche gegeben haben. Rings kühner Entwurf, der sich mehr und mehr zu einem großen Gedankenzusammenhang ausgestaltet, in dessen Zentrum sich die Astrologie findet, besticht durch eine Weite, die sich auch darin äußert, dass Ring von verschiedenen Standpunkten aus der Frage nach der Stellung des Menschen in Natur und Kosmos nachspürt. «Astrologie heißt das geistige Abenteuer, die zahllose Mannigfaltigkeit menschlicher Äußerungen in ein zahlenbegrenztes System mit wenigen, logisch überschaubaren Elementen zu fassen.»→413. Thomas Ring, Astrologie neu gesehen, Freiburg i.Br. 21979, S. 28. Über die Ernsthaftigkeit seiner Studien, den hohen philosophischen Anspruch und den Arbeitsprozess, der zu einer revidierten astrologischen Auffassung führt, geben folgende Sätze Auskunft, die aus seiner «Selbstdeutung» stammen: «Ich verspürte die Angst, daß ich in meinen Anschauungen über Welt und Dasein etwas ausgelassen haben könnte, ein zu überlegendes Hauptargument, eine nicht in den Gesichtskreis gezogene Tatsache. Das wäre mir unerträglich. Ein Beruhenkönnen in Anschauungen bedarf der absoluten Sicherheit. Unsere Epoche hat keine verläßlichen Traditionen. Das Nichtvertrauenkönnen auf dargebotene Überlieferungen und auf Resultate des Denkens überhaupt wird der Gegenspannung von ‹Jupiter in Widder› zum Motiv eines unstillbaren philosophischen Wolfshungers, das Nein stülpt sich um in Suchen und Vorstoß ins Unbekannte. Hierbei erworbene gedankliche Sicherungen müssen ersetzen, was unmittelbar fehlt, die Gewissens- und Seelenruhe des ohne solche akute Nötigung im Übernommenen geborgenen Menschen. Bei den mitspielenden Prinzipien ‹Widder› und ‹Waage› macht sich deutlich bemerkbar: Eroberung von Neuland ist immer rohes Anskizzieren, apodiktisches Setzen und Behaupten ‹hier müßte es sein›, zugesprochener Glaube vor der Erfahrung. Erst mit dem Einbau von Angeeignetem, der Zusammenfügung vorhandener erfahrener Tatsachen zur geistigen Einheit, kann ich richtig Fuß fassen, auf Dauer mich einrichten. Um Verläßlichkeit zu gewinnen, baue ich notwendig an einem System, in dem ein Glied auf das andere bezogen ist.»→514. Thomas Ring, Selbstdeutung; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 15. Rings philosophischer Ausrichtung gemäss sind es vor allem zwei Momente, die für sein Denken charakteristisch sind: das Ordnungshafte und das Hintergründige. Astrologie ist ihm eine den Menschen an den Welthintergrund bindende Ordnungslehre. Hinsichtlich der Ausformung seiner «revidierten» Astrologie beschränkte sich Ring nicht nur auf spezifisch astrologische Studien; seine vielseitigen «Grundlagenstudien», die er damals in Angriff nahm, umfassten auch Philosophie, Mythologie, Psychologie, Harmonik sowie naturwissenschaftliche Disziplinen, insbesondere Biologie, um hier nur die wichtigsten zu nennen. Die astrologische Forschung (im engeren Sinne) betraf das Zeichnen und Interpretieren vieler Horoskope, die Prüfung der Deutungsergebnisse an der Realität, den Vergleich bestimmter Konstellationen verschiedener Horoskope und ihrer Entsprechungen, Studien der menschlichen Physiognomie aber auch der Handschriften und deren Vergleich mit den Horoskopen. Von Anfang an begleitete Gertrud Ring ihren Mann mit großer Anteilnahme auf dessen Weg, der ihm mehr und mehr zur Lebensaufgabe wurde. «Begabt mit einem ‹unwahrscheinlichen philosophischen Instinkt› (so drückt es Ring selbst aus) war sie ihm Geliebte und unerbittliche kritische Gesprächspartnerin zugleich. Sie fordert ihn heraus zu denkerischer Disziplin und bestärkte ihn ebensosehr in seiner die Grenzen der Sinneswahrnehmung überschreitenden welthintergründigen Sensitivität.»→615. Bruno von Flüe (1993/1), S. 7f.

Fußnoten   [ + ]

1. 10. Zitiert aus: Erp Ring, Gertrud Ring, 15. Mai 1887-15. Februar 1945; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1997/2, S. 23.
2. 11. Zitiert aus: Volker Pirsich (1987), S. 36f.
3. 12. Vgl. dazu: Erp Ring, Thomas Ring und die Astrologie zwischen 1920 und 1945; in: Thomas Ring, Frühe astrologische Schriften, Zollikon 1995, S. 224.
4. 13. Thomas Ring, Astrologie neu gesehen, Freiburg i.Br. 21979, S. 28.
5. 14. Thomas Ring, Selbstdeutung; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 15.
6. 15. Bruno von Flüe (1993/1), S. 7f.