Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

2     Der künstlerische Hintergrund
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich Ring, angesteckt von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, Anfang August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst. In Belgien, bei den Gefechten um Dixmuiden-Nieuport, wird er Ende Oktober 1914 schwer verwundet. Ring wurde ins Militärlazarett der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a.M. überführt; erst im Frühjahr 1915 konnte ihm in der Berliner Universitätsklinik das Geschoss aus dem rechten Fußgelenk entfernt werden. Im darauf folgenden August traf Ring Herwarth Walden in Berlin; eine Begegnung, die für den jungen Künstler entscheidend war. Am 11. Dezember 1915 schrieb er an Walden: «Vor allem danke ich Ihnen dafür, daß Sie mir die Augen geöffnet haben über das was Kunst ist. Mir die Möglichkeit intensiverer Freude am rein Gestaltenden gegeben haben. Und so die Möglichkeit selbst zu schaffen. Es ist gleichgültig ob ich das als Dichter oder Maler tue, früher oder später – zum Ausbruch muß es einmal kommen, dazu ist es zu heftig.»→12. Zitiert aus: Volker Pirsich, Thomas Ring. Das dichterische und bildnerischeWerk 1916-1933, Herzberg1987, S. 10.  Rings Unsicherheit, welche die Frage seiner künstlerischen Ausrichtung betraf, scheint 1916 überwunden. Pirsich schreibt, dass Ring zu der Vielzahl an Künstlern der frühen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts zähle, «die, künsteübergreifend arbeitend, sich gegen eine einseitige Spezialisierung wenden, bei denen die Idee des Gesamtkunstwerks zunehmend an Bedeutung gewinnt.»→23. Ebd.,13.  In diesen Jahren war Ring vor allem als Lyriker produktiv, ein Umstand, der mit den Lebensumständen zusammenhängt, die seine Kriegsteilnahme und spätere Kriegsgefangenschaft bedingten. Seit Ende Juli 1916 befand sich Ring wieder auf dem Kriegsschauplatz, im November 1917 geriet er in der Schlacht um Cambrai in englische Kriegsgefangenschaft; nach einer missglückten Meuterei im Arbeitsgefangenenlager bei Calais, in deren Verlauf er nur knapp dem Tod durch Hinrichtung entging, wurde Ring im April 1918 in das Lager Oswestry (England) gebracht, wo er bis November 1919 interniert blieb. Während dieser Jahre scheint sich Walden sehr um Ring bemüht zu haben; alle von Ring gesandten Gedichte wurden in der Zeitschrift «Der Sturm» abgedruckt →34. Eine Auswahl aus dem frühen schriftstellerischen Werk von Ring, die Lyrik, Dramen, Prosa und Essays umfasst, hat Pirsich in seinem Buch veröffentlicht. Einen ersten Schritt hin zur Erstellung eines möglichst vollständigen Werkverzeichnisses, das über die zahlreichen Publikationen Rings im Zeitraum von 1916 bis 1983 und auch über die posthum veröffentlichten Beiträge bis 1996 Auskunft gibt, ist von Erp Ring geleistet und in den Werkstattblättern veröffentlicht worden; vgl. dazu: Erp Ring, Thomas Ring und seine Veröffentlichungen; Verzeichnis der veröffentlichten Arbeiten von Thomas Ring; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1996/2, S. 1-14. Die aktualisierte Fassung ist auf unserer Website einsehbar., die ersten vier im Aprilheft 1916; seine Lyrik wurde auch im Rahmen der «Sturm»-Kunstabende vorgetragen. In dieser Phase stellt Rings Kunstschaffen die unmittelbare Umwandlung des Eindrucks in die Ausdrucksform dar; Dichtung als Verdichtung des Erlebnisses. Damit hatte er Teil an der damaligen sich rasch entwickelnden «Sturm-Wortkunsttheorie» und wurde 1917 von Rudolf Blümner in dessen Programmschrift «Der Sturm. Eine Einführung» gemeinsam mit Kurt Heynicke, Franz Richard Behrens u.a. als Schöpfer einer neuen selbständigen Wortkunst gewürdigt. →45. Vgl. dazu: Volker Pirsich (1987), S. 16. Zweifellos haben der Krieg und die Gefangenschaft Thomas Ring erschüttert; rasch ist die anfängliche Begeisterung gewichen und Pirsich schreibt: «der Krieg wird für ihn zu einem notwendigen Übel, dem er sich, nun einmal hineingezogen, nicht mehr entziehen kann.»→56. Ebd., S. 14. Während der Internierung im Kriegsgefangenenlager Oswestry fand Ring zur bildnerischen Tätigkeit zurück, die ihm Rettung vor dem «Selbstvernichtungstrieb» und der Apathie wurde und die er als «einzig wirksame Selbsttherapie» empfand. →67. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe, Thomas Ring – ein Maler aus dem Umkreis des «Sturm», Herzberg 1988, S. 46. In den sogenannten «kristallinen Zeichnungen», die in größerer Zahl während dieser Monate entstanden, zeigt sich im Ringen um Strukturen ein Element, das auch für seine Philosophie charakteristisch werden wird. Sich auf die «absolute Malerei» beziehend schreibt Ring in dem unveröffentlicht gebliebenen Aufsatz «Zum Erlebnis der Kunstwende um die Zeit des ersten Weltkrieges», der Anfang der 1980er Jahre entstand: «In Umlauf kam der Vergleich mit der Musik, wonach Form und Farbe ohne Naturnachahmung eine absolute Bedeutung haben. Für mich, der ich stark in der Musik verankert war, lag hier die Lösung: der souveräne Ausdruck des Seelengehalts ist vor aller gegenständlichen Thematik da. In diesem Sinne entstanden kristalline Zeichnungen, wobei ich den Kontrapunkt zu finden hoffte, bestimmte Qualitäten der Winkel und Überschneidungen erkannte.»→78. Zitiert aus: Volker Pirsich (1987), S. 14. Als Gefangener, in einer Atmosphäre, die durch Gefühle des Ausgeliefertseins aber auch des Zurückgeworfenseins auf sich selbst bestimmt ist, machte Ring eine Erfahrung, die hinsichtlich seiner wenige Jahre später erfolgten Bewusstwerdung der Bedeutung des astrologischen Tierkreises wichtig war; diese Begebenheit schildert er in seinen späten Reflexionen «Rundgang»: «Der einzige Baum im Camp von Oswestry, eine Linde, hatte dem entlassenen Gefangenen aber eine Tröstung mitgegeben. Als ich damals halb verhungert unter diesem Baume lag, den Kreis der ewigen Wiederkehr mit der entsetzlichen Aussichtslosigkeit ‹es ist immer dasselbe› überdenkend, kam in stiller Luft etwas in Spiralen heruntergeschwebt: die Samenkugel der Linde mit Stiel und geschwungenem Führungsblatt. Noch eine und noch eine. Das war der wahre Ausstieg! Diese zylindrische Spirale brachte mir die Weisung: was von oben und von unten gesehen ein strenger Kreis ist, läßt im Seitenblick ein Aufwärts und ein Abwärts zu. Ebenso ist es mit dem Kreis der Prinzipien: ihre konkreten Entsprechungen ändern sich mit der Entwicklungshöhe, auf der sie gelebt werden!»→89. Thomas Ring, Rundgang; in: Thomas Ring Lebenszeugnisse. Festschrift anläßlich des 90. Geburtstages von Thomas Ring, hg. von der ThR-St, Zürich 1982, S. 13.

Fußnoten   [ + ]

1. 2. Zitiert aus: Volker Pirsich, Thomas Ring. Das dichterische und bildnerischeWerk 1916-1933, Herzberg1987, S. 10.
2. 3. Ebd.,13.
3. 4. Eine Auswahl aus dem frühen schriftstellerischen Werk von Ring, die Lyrik, Dramen, Prosa und Essays umfasst, hat Pirsich in seinem Buch veröffentlicht. Einen ersten Schritt hin zur Erstellung eines möglichst vollständigen Werkverzeichnisses, das über die zahlreichen Publikationen Rings im Zeitraum von 1916 bis 1983 und auch über die posthum veröffentlichten Beiträge bis 1996 Auskunft gibt, ist von Erp Ring geleistet und in den Werkstattblättern veröffentlicht worden; vgl. dazu: Erp Ring, Thomas Ring und seine Veröffentlichungen; Verzeichnis der veröffentlichten Arbeiten von Thomas Ring; in: Werkstattblätter, hg. von der ThR-St, Zürich 1996/2, S. 1-14. Die aktualisierte Fassung ist auf unserer Website einsehbar.
4. 5. Vgl. dazu: Volker Pirsich (1987), S. 16.
5. 6. Ebd., S. 14.
6. 7. Vgl. dazu: Ingrid Skiebe, Thomas Ring – ein Maler aus dem Umkreis des «Sturm», Herzberg 1988, S. 46.
7. 8. Zitiert aus: Volker Pirsich (1987), S. 14.
8. 9. Thomas Ring, Rundgang; in: Thomas Ring Lebenszeugnisse. Festschrift anläßlich des 90. Geburtstages von Thomas Ring, hg. von der ThR-St, Zürich 1982, S. 13.