Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

Rings Auffassung gemäss ist das Horoskop als «Anlagegefüge» zu verstehen; das Kosmogramm ist die graphische Darstellung der Struktur des Qualitativen. Über die Art wie dieses Anlagegefüge vom Horoskopeigner konkret gelebt wird, kann aus dem Horoskop (allein) keine Aussage gemacht werden. Formal ausgedrückt ist ein Kosmogramm gewissermaßen ein Gleichungssystem, eine Momentaufnahme des größeren Ganzen; im Sinne des organisch-kosmologischen Denkens könnte von einer «Zeitgestalt» der Weltseele gesprochen werden. Das Bemühen eine philosophische Begründung der «Grundelemente» der Astrologie darzulegen, die nicht außerhalb des (modernen) wissenschaftlichen Kontextes steht, zeichnet das astrologische Werk Rings aus. Bei aller Logik des astrologischen Systems kommt in der angewandten Astrologie, d.h. der astrologischen Interpretation, ein Faktor hinzu, den Ring im nachfolgenden Satz anspricht, mit dem er seine «Astrologische Menschenkunde« schließt: «Angesichts des fragenden Menschen reicht die Wissenschaft des lebenden Modells nicht hin, es beginnt die Deutung als Kunst.»→143. Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde IV, Freiburg i.Br. 31985, S. 291. Für die Deutungskunst gilt jedoch die Forderung: «Strenge Methodik der Kombination vereint mit dem künstlerischen Blick für das Ganze.»→244. Thomas Ring, Mein Alphabet, Romanshorn 1978, Ausführungen zum Buchstaben «X». Ein eindrucksvolles Zeugnis dieser «Deutungskunst» stellt Rings «Selbstdeutung» dar, die wahrscheinlich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre niedergeschrieben wurde. «Ring schreibt sehr freimütig, problemorientiert, ganz dem Lebendigen, seiner Ausfaltung, seinen Nöten und Uebergängen verpflichtet; er schreibt als einer der immer wieder auf der Suche nach sich selbst ist, ohne ein Denkmal aus sich zu machen; aber auch als einer, der sich seiner Bestimmung durchaus bewusst ist und der aus der Gelassenheit eines reichen schöpferischen Lebens zurückblicken kann. Für einen Augenblick ist man als Leser an gewissen Stellen des Textes von seiner Offenheit überrascht, staunt auch darüber, wie gezielt er Dinge beim Namen nennt, und sieht dann doch, wie alles, was Ring von sich selbst preisgibt, auf einen ‹Ausschnitt der Weltseele› hinzielt, auf überpersönliche Einsicht: so verhält es sich, so ist die Welt in mir gefügt, aus diesen Voraussetzungen habe ich gelebt, ist mein Schaffen entsprungen.»→345. Bruno von Flüe, [Begleitende Worte]; in Thomas Ring, Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II. 26 Beispiele seiner Deutungskunst bietet Ring in seinem umfangreichen Werk «Genius und Dämon. Strukturbilder schöpferischer Menschen» (1980); in diesem sehr schön gestalteten Buch legt er Werk- und Lebensskizzen von Persönlichkeiten (Leonardo da Vinci, Käthe Kollwitz u.a.) aus sechs Jahrhunderten vor; von Flüe schreibt, dass der Leser dieser Texte «in actu» Rings Meisterschaft astrologischer Deutung erleben könne: «In ihnen kommen seine vielfältigen Begabungen so recht zusammen: Klarheit des Durchblicks, Reichtum der Deutungs-Einfälle, das Überraschende des jeweils aufschließenden springenden Punktes, immenses historisches Wissen im Philosophischen, Politischen, Künstlerischen (sei es Literatur, bildende Künste, Musik), geschickte Dramaturgie der Beschreibung und in allem immer die Disziplin einer philosophischen Besonnenheit, die astrologische Wahrnehmung nicht abgleiten läßt in inflatorisches Erkennenwollen, sondern sie jederzeit einbindet im Menschlichen.»→446. Bruno von Flüe (1988), S. 120.
In seinen astrologisch-philosophischen Schriften der 1970er Jahre greift Ring von verschiedenen Standpunkten aus grundlegende astrologische Fragen und Probleme auf. In diesen Büchern spiegelt sich der ganze Reichtum an Erfahrungen, den Ring aus seiner nunmehr fünf Jahrzehnte langen praktischen und theoretischen astrologischen Tätigkeit schöpfen konnte. Interessante Ausführungen zur geistesgeschichtlichen Entwicklung der Astrologie («Astrologie ohne Aberglauben» (1972)) finden sich darin ebenso wie zur verantwortlichen Beratungstätigkeit des Astrologen («Astrologie neu gesehen. Der Kosmos in uns» (1977)). Auf Fragen der philosophischen Anthropologie, wie sie sich dem organisch-kosmologischen Denken stellen, geht Ring insbesondere in «Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht» (1975) ein. Und in «Mein Alphabet» (1978) legt er in knapper Form dar, was ihm Astrologie geworden ist. In dichterischer Form hat dies Thomas Ring beispielsweise in folgenden Versen ausgedrückt: →547. Thomas Ring, Gedichte – Ausgewählt aus den Jahren 1946 bis 1983, Zürich/Stuttgart 1985, S. 7.

Wer dem Fisch seine Liebe schenkt
sorge für Wasser
wer den Menschen liebt
halte sein Herz streng
wer Gott sucht
erlerne die Sprache der Schöpfung

In seinem letzten Werk «Das Grundgefüge. Die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos», das posthum 1986 veröffentlicht worden ist, zielt Ring nochmals hin auf den Kern des astrologischen Problems; dargestellt wird die Astrologie als organisch gegründete Seelenlehre. Auch diese Ausführungen zeugen von der ihm eigenen bemerkenswerten geistigen Frische, aus der heraus Ring bis zuletzt schöpferisch tätig war. Am 24. August 1983 stirbt Thomas Ring einundneunzigjährig unerwartet an den Folgen einer Blinddarmentzündung; sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Friedhof St. Peter in Graz.→648. Dort befindet sich das Familiengrab der Bilgers; Rings zweite Frau Irmtraut stammt aus dieser Grazer Familie.

Fußnoten   [ + ]

1. 43. Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde IV, Freiburg i.Br. 31985, S. 291.
2. 44. Thomas Ring, Mein Alphabet, Romanshorn 1978, Ausführungen zum Buchstaben «X».
3. 45. Bruno von Flüe, [Begleitende Worte]; in Thomas Ring, Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II.
4. 46. Bruno von Flüe (1988), S. 120.
5. 47. Thomas Ring, Gedichte – Ausgewählt aus den Jahren 1946 bis 1983, Zürich/Stuttgart 1985, S. 7.
6. 48. Dort befindet sich das Familiengrab der Bilgers; Rings zweite Frau Irmtraut stammt aus dieser Grazer Familie.