Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

8     Die «Astrologische Menschenkunde»
Gegen 700 Deutungen von Horoskopen (Typoskripte, zwischen vier und zehn Seiten engzeilig beschrieben) Rings sind erhalten geblieben, die tiefe Einblicke in seine astrologische Deutungskunst gewähren und seine Arbeit während sechs Jahrzehnte dokumentieren. Diese Sammlung ist wohl einzigartig und für die astrologische Forschung von großem Wert. Aufgrund der Problematik hinsichtlich des Datenschutzes konnten daraus allerdings erst wenige Deutungen in den Werkstattblättern publiziert werden. «Wer viele von Rings astrologischen Gutachten liest, kommt fast zwangsläufig auf die Frage, mit welchen Augen, mit welcher Art von Intuition hier einer Wege von Menschen, Wege von Seelen ausleuchtet, ja geradezu errät. Ihm war offenbar von früh an ein Einblick in das Lebenshintergründige der Menschenseele gegeben und mit ganz wenigen Angaben über das Konkrete eines Menschen (oft gehörte ein Foto und eine Schriftprobe dazu) begann eine Schau, ein Verstehen, das ganz nah beim unmittelbar Lebendigen dieses Menschen sich hält und dennoch tief hinabreicht in den elementaren Aufbau, in die archetypische Logik dieser Persönlichkeit. Dabei war Ring in seiner astrologischen Arbeit wie kaum ein anderer ein im strengen Wortsinn Verstehender, einer, der aus grundsätzlichen Einsichten in die Morphologie des Lebendigen heraus begriff (dahinter steckte jahrelange Denkarbeit!) – und zugleich war er ein Erratender, einer, der aus dem erscheinungshaften Vordergrund weit bis ins Lebens- und Welthintergründige ausgriff, bis hin zur ‹anderen Seite›.»→140. Ebd., S. 8.
1952 verlässt Ring mit seiner Familie Österreich und übersiedelt von Graz in das abgelegene Luchle bei Wittenschwand im Südschwarzwald, wo sie ein kleines Bauernhaus bewohnten, das dem Freund Bender gehörte. In diesem Jahr schließt Ring einen Vertrag mit dem Rascher-Verlag, Zürich, über seine «Astrologische Menschenkunde» ab; die Arbeit an seinem vierbändigen Hauptwerk wird ihn über zwei Jahrzehnte lang beanspruchen. Im Jahre 1962 wechselte Ring ein letztes Mal seinen Wohnsitz; er bezog mit seiner Familie eine Wohnung in einem alten Haus, das zur Anlage der mittelalterlichen Burg Stettenfels bei Heilbronn gehörte. Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich und seiner Familie weiterhin mit seiner Beratungstätigkeit und mit Kursen zur Astrologie. In Deutschland arbeitete Ring sehr zurückgezogen an seiner «Astrologischen Menschenkunde» und an zahlreichen anderen astrologischen Beiträgen und Schriften.
In seinem späten Werk «Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht» schreibt Ring: «Kennzeichen echter philosophischer Fragen zum Unterschied von Anliegen bloßer Wissensneugier ist, daß sie nie ein für allemal gültig beantwortbar sind. Jede Epoche muß die Antwort aus sich finden. Wir behandeln darin Grundprobleme des Wesens und der Existenz des Menschen. Immer wieder gehen wir neu heran in der Einstellung, ein Geheimnis zu entsiegeln. Den naiven Dutzendmenschen interessiert nur der Inhalt der Antwort, damit er sie einbaue in seine Lebenspraxis. Der Philosoph dagegen verlangt nach guten Gründen und richtigen Folgerungen, aus denen die Antwort hervorgeht; wichtig wird ihm die Theorie, die Art und Weise, das Problem zu bedenken.»→241. Thomas Ring, Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht, Freiburg i.Br. 1975, S. 145. Auf die Frage in welchem Bereich der Erkenntnisarbeit die «revidierte» Astrologie Platz findet, ist zu antworten: in der philosophischen Anthropologie. In jahrzehntelanger Arbeit hat Ring die anthropologischen Grundlagen der Astrologie heraus gearbeitet und diese eindrucksvoll in seinem Hauptwerk dargestellt; im Vorwort zur «Astrologischen Menschenkunde» schreibt Bender: «In diesem Werk unternimmt es Thomas Ring von neuem, die Kategorien der astrologischen Deutung begreiflich zu machen und Ort und Grenze der Aussagen zu bestimmen, die nach seiner Auffassung aus der Geburtskonstellation möglich sind. An das ihn von jeher beschäftigende Schicksals- und Freiheitsproblem anknüpfend, setzt er dem ‹Zerrbild einer fatalistischen Vulgärastrologie› die Ansicht entgegen, daß das auf Zeit und Ort der Geburt berechnete Horoskop eine Gefügeordnung von Bildekräften spiegle und eine Art von Rahmen darstelle, in dem sich die Verbindung von Erb- und Umwelteinflüssen vollziehe. Diese Gefügeordnung, der ‹Kosmotypus›, wird mit einprägsamen und didaktisch glücklichen Begriffen als die formale Grundlage der individuellen Selbstverwirklichung geschildert, die sich im Laufe der Entwicklung in einem Ineinandergreifen von Notwendigkeit und Freiheit bildet. […] Um einen Anspruch zu untersuchen, muß man ihn kennen und die Methoden der empirischen Nachprüfung auf ihn abstimmen. Die ‹Astrologische Menschenkunde› von Thomas Ring ist auf jeden Fall ausgezeichnet geeignet, über das Wesen der Astrologie zu unterrichten und die Mißverständnisse zu beseitigen, die aus einer tiefgründigen Entsprechungslehre zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos armselige, fatalistische Wahrsagerei machen.»→342. Hans Bender, Vorwort; in: Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde I, Freiburg i.Br. 61990, S. VIIff. Der erste Band «Kräfte und Kräftebeziehungen. (Zusammenfassung der Aufbaukräfte unseres Charakters, ihre Zwischenbeziehungen und Abwandlungen)» (1956) ist den astrologischen Planeten und den astrologischen Aspekten gewidmet; im zweiten Band «Ausdruck und Richtung der Kräfte. (Darstellung der Verhaltensgrundformen und Äußerungsgebiete anhand einer neuen Ableitung des astrologischen Tierkreises)» (1959) behandelt Ring die beiden kreisförmigen Lebens-Bezugssysteme, den astrologischen Tierkreis («Die Sphäre des Ausdrucks») und das astrologische Häusersystem («Die Sphäre der Interessen»). Von einem medizinischen Standpunkt aus thematisiert er den tropischen Tierkreis in der Schrift «Tierkreis und menschlicher Organismus» (1958). Der knapp 540 Seiten umfassende dritte Band seines Hauptwerkes «Kombinationslehre (der Kräfte in ihren Beziehungen, ihrem Ausdruck, ihrer Richtung und dem Stellenwert im Ganzen)» (1969) bietet dem Leser eine Anleitung zum individuellen Gebrauch der astrologischen Grundelemente und eine methodische Einführung in die astrologische Interpretation. Aus seiner langjährigen Beratungstätigkeit schöpfend, stellen die Ausführungen im vierten Band «Das lebende Modell (Mängel, Fehlhaltungen, Vorzüge, Ergänzungen)» (1973) eine Ergänzung der Kombinationslehre dar.

Fußnoten   [ + ]

1. 40. Ebd., S. 8.
2. 41. Thomas Ring, Existenz und Wesen in kosmologischer Sicht, Freiburg i.Br. 1975, S. 145.
3. 42. Hans Bender, Vorwort; in: Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde I, Freiburg i.Br. 61990, S. VIIff.