Elmar Schübl – Zu Leben und Werk von Thomas Ring

Eine knappe historisch-biographische Skizze zu Leben und Werk von Thomas Ring (1892-1983)

«Es scheint als ob ich, der ich nach nennbaren Daten so und so beschaffen bin, ständig auf der Jagd sei nach meinem eigentlichen Wesen. Ich könnte dies Wesen genau definieren und würde es selber glauben, wenn die Mittel, es zu tun, nicht abhingen von Hand und Hirn in ihrem wechselnden Zustand. Eine Zustandsbeschreibung gibt mir nichts Gültiges. Ich blicke scharf hin, tappe durch den Nebel der Verwandlungen, was ich ergreife ist dem gesuchten Wesen ähnlich und doch nie ganz ich selbst. Manchmal spüre ich es so unmittelbar in der Gestalt, die meiner Vorstellung soeben über den Bildschirm fließt, daß es mich durchzuckt: der Durchbruch ist gelungen! Nach verflogenem Rausch sehe ich die Mängel darin und deren Bedingungen, die mich aufreizen, sie zu überwinden um dem Eigentlichen näher zu kommen. So ging es schon durch viele Stadien des ‹Habens› und wieder ‹Lassens›. Von jung an bin ich dabei, immer wieder ein ‹neues Leben anzufangen›. Selten, aber es tritt ein, hängen die Zügel schlaffer und der Versuch, mit der Umwelt in Frieden zu leben, stilisiert meine Lebensziele auf ein verträgliches Zusammenleben hin. Dann bin ich ihnen ‹ein guter Mensch›, manche versteigen sich zu ‹weise› und ‹gütig›. Aber es braucht nur zu gehen wie dem alten Schlachtroß, das seine Ackerfurchen zieht und die Trompete hört: das Eingespanntsein ins Joch der Nützlichkeit ist zum Teufel! Die Signale kommen aus mir selbst und zur rechten Zeit. Wollte ich dann mich zwingen, weiter geduldig Furchen zu ziehen, so bekäme das Irdische plötzlich eine schrille und gellende Gewalt des Widerstands, daß mein Verhältnis zur Welt heillos ver-rückt würde. Wer an der Grenze lebt, muß seine warnenden Vorzeichen kennen. Die Gescheiten, für mich meist hoffnungslos Dumme, sagen: du übertreibst! Sie freilich hören keine solchen Signale und leben außerhalb der Gefahr des Verrücktwerdens. Normale suchen nie nach ihrem eigentlichen Wesen sondern sehen sich als das an, wofür andere sie halten.»→11. Thomas Ring, Möglicherweise ein Vorwort zu meiner Selbstdarstellung; in: Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 1.

 

1    Kindheit und Jugend

Thomas Karl Ring wurde als einziges Kind des Ingenieurs Nikodemus Andreas Karl Ring (23.5.1867 – 4.9.1948) und dessen Frau Margarete Dorothea Ring (8.2.1868 – 8.3.1947), geb. Heinlein, am 28. November 1892 in Nürnberg geboren. Die beruflichen Tätigkeiten des Vaters brachten wiederholt Ortswechsel der Familie mit sich: Nüziders bei Bludenz (Österreich), Thurgau (Schweiz), Venlo (Holland), Coventry (England) sind Stationen dieser Umzüge während seiner frühen Kindheit; es folgten Aufenthalte in Südrussland und dann in mehreren deutschen Städten. 1904/05 übersiedelten die Rings schließlich nach Berlin, wo Thomas auf elterlichen Wunsch Starks private «Höhere Knabenschule» besuchte; dort wurden seine musische Natur aber auch seine geistesgeschichtlichen Interessen gefördert; diese Schule führte jedoch nicht zum Abitur. Seine Absicht eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen, stieß auf den Widerstand des Vaters, dessen Wunsch gemäss der Sohn den Ingenieurberuf ergreifen sollte. Einen Kompromiss in dieser für den Jugendlichen so wichtigen Angelegenheit bedeutete eine solide Ausbildung zum Chemigraphen, die Thomas Ring von 1908 bis 1911 absolvierte und ihn mit verschiedensten graphischen Drucktechniken vertraut machte. Von April 1909 bis März 1911 besuchte er an den Abenden Kurse der Unterrichtsanstalt am Königlichen Kunstgewerbe-Museum Berlin; im Sommersemester 1911 schrieb Ring sich dort als Vollschüler ein. Nach verschiedenen Studien wurde er schließlich im April 1913 Schüler der Graphikerklasse von Emil Orlik, die unter anderem auch von Hannah Höch besucht wurde. Während dieser Studienjahre setzte seine Auseinandersetzung mit der Kunst und Kunsttheorie der aufbrechenden Moderne ein; der von Kandinsky und Marc herausgegebene Almanach «Der Blaue Reiter» aber auch Ausstellungen der «Sturm»-Galerie, die Walden im Frühjahr 1912 eröffnete, hinterließen bei Ring einen nachhaltigen Eindruck. Im Sommer 1913 trat er einundzwanzigjährig seine Wanderung nach Italien an, die in der Ausbildung eines Kunststudenten nahezu obligatorisch war und ihn über Prag und Wien bis nach Rom führte.

Fußnoten   [ + ]

1. 1. Thomas Ring, Möglicherweise ein Vorwort zu meiner Selbstdarstellung; in: Selbstdeutung, hg. von der ThR-St, Zürich 1992/II, S. 1.