Bruno von Flüe – Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring

In der astrologischen Wahrnehmung durchdringen sich Schauen und Denken in besonderem Masse. Im Erfassen von Planeten-Signaturen oder im Sinn für physiognomische Ausdrucksqualitäten wird sinnliche Anschauung unmittelbar erkennend. Analoges geschieht beim Zeichnen von Geburtsbildern. Gerade dort kann raumhaft bildnerisches Gestalten das Wesenhafte einer Anordnung vermitteln, so dass Anschauung sich wandelt in strukturalen Gehalt, in Verstehens- und Bedeutungswerte. So gehen bei jeder wirklich ganzheitlich aufschliessenden Deutung Bildhaftigkeit, sinnliche Anschauung und Erfassen von Struktur auf hohem Niveau denkerischer Abstraktion zusammen.

Die  symbolische Erfahrung, wie sie heute unter anderem in den vielfältigen Wegen der Tiefenpsychologie neu aufbricht, lebt ganz aus der Verbindung des schauenden und denkenden Menschen. Sie wurzelt tief im Leibhaften erlebter Raumhaftigkeit und der darin sich vollziehenden Ur-Gebärden. So müssen wir die Vertikale, wie sie in jedem Geburtsbild von der Himmelstiefe (I.C.) zur Himmelsmitte (M.C.) ins Oben zieht, aus der Urgebärde des Sich-Aufrichtens verstehen; ebenfalls als Urgebärde offenbart sich uns der „dialogische Gehalt“ der Horizont-Linie (vom Aszendenten zum Deszendent hinführend). In dieser Weise zeigt sich an den Hauptachsen des Kosmogramms, wie Urgebärden kosmischen Gestalt-Verhältnissen entspringen – und sich umgreifende Ordnung aus leibhafter Bewegung erschliesst.
Vielleicht gibt es innerhalb der symbolischen Erfahrung Einsichten, die in keiner Weise mehr wortbar sind und die uns doch mit Welttiefen wachsend zusammenschliessen. Solche Wahrnehmung dürften wir wohl mit der Innenschau in Verbindung bringen, wie sie sich in der Mystik und geistigen Erfahrung aller Zeiten und Völker manifestiert. Für uns allerdings, die wir seit Jahrhunderten am Prozess intellektuell-mentaler Differenzierung teilhaben, kann der Weg zu einem dergestalt ganzheitlich erlebten Symbol weit und langwierig sein. Erst im Gang in die eigene Wesenstiefe, den Spuren der dort angelegten Gestalt von Welterfahrung folgend, öffnet sich uns das tiefere Herz der Dinge.

Thomas Ring ist in seinem langen Leben einen solchen Weg in hohem Masse gegangen. Im Schöpferischen seiner Arbeit hat sich ihm Wirklichkeit in einer Weiträumigkeit zugesprochen, die altes, im Mythus gespeichertes Wissen wieder lebendig werden lässt und den Menschen des 20. Jahrhunderts – unter Beibehaltung gewonnener naturwissenschaftlicher Differenzierung – wieder neu im umschliessenden Welthintergrund einzubinden vermag.

(Dieser Aufsatz wurde entnommen aus : Thomas Ring (1892 – 1983), Katalog der Ausstellung im Wilhelm-Lehmbruck-Museum der Stadt Duisburg, 1988)