Bruno von Flüe – Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring

Anderer Art ist Rings zweites Buch im selben Jahr: „Das Sonnensystem – ein Organismus“. Darin wagt er den Versuch, aus der genauen Betrachtung und Vergleichung der Umlaufzeiten der Planeten und der räumlichen Abmessung ihrer Bahnen Ordnungszusammenhänge herauszustellen, welche auf die grundsätzlichen Inhalte der sieben Gestaltfaktoren im astrologischen Messbilde hinweisen. Wie gültig dieser Versuch einer gestalttheoretischen Untersuchung ist, wird die Zukunft weisen. Gewiss ist er ein Zeugnis der kühnen, konstruktiven Seite von Rings Geist.

Im Herbst 1940 konnte Ring das Vorwort zu dem Buch beenden, das erstmals umfassend die zehn Planeten-Prinzipien als Bildekräfte des ganzheitlichen Aufbaus von Mensch und Natur enthält: „Der Mensch im Schicksalsfeld“. Es ist längst vergriffen – und andere Bücher, etwa die vierbändige „Astrologische Menschenkunde“ sind ungleich bekannter geworden unter den Astrologen. Aber eigentlich gebührt diesem Buch der Rang eines Marksteins innerhalb der modernen Astrologie. Alles Wesentliche der Neuformulierung der alten „Planeten“ (und diese waren und sind das Herzstück jeder Astrologie) ist hier in beispielhafter Klarheit und unter Einbezug der wichtigsten Ergebnisse von Jungs archetypischen Psychologie vollzogen. Es hat noch nicht das Abgeklärte längst zurückliegender Einsichten; man spürt im Ausholenden seiner Gliederung noch die Anstrengung des Begriffs, die Arbeit der geistigen Durchdringung. Es nimmt wenig Rücksicht auf den Leser, aber umso unmittelbarer ist es ein Produkt aus den entscheidenden Jahren von Rings Werkstatt.

Was danach, nach der Zeit des 2.Weltkrieges, kam, ist Ausarbeitung und Vertiefung der bereits geschehenen Klärung. Annähernd 20 Jahre dauerte es, bis Ring alle vier Bände seiner „astrologischen Menschenkunde“ ausformuliert hatte (Bd.1 1956, „Kräfte und Kräftebeziehungen“; Bd. 2 1959, „Ausdruck und Richtung der Kräfte“; Bd. 3 1969, „Kombinationslehre“; Bd. 4 1973, „Das lebende Modell“). Wir können heute, in einer Zeit der Flut schnell geschriebener Bücher, nur staunen über die Gründlichkeit und durchgehende Dichte, mit der hier astrologische Wahrnehmung Menschenkunde geworden ist. Der Ruhm eines (wenig wirklich gelesenen) Klassikers ist diesem Werk sicher. Die letzten Jahre von Rings Schaffen umkreisten – ohne die Problematik der einzelwissenschaftlichen Begründung der Astrologie neu aufzurollen – „die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos“. So lautet der Untertitel seines letzten Werkes „Das Grundgefüge“ (1986, drei Jahre nach seinem Tode, erschienen). In immer neuen Wegen, auf je etwas anderen Zugängen, lässt Ring in diesen letzten Jahren die Erfahrung des Welthintergrundes aufscheinen, wie er als überpersönliche Bestimmung aus der organischen Tiefe im Einzelnen zur Ausgestaltung kommt.

Aus dieser späten Schaffenszeit besonders hervorzuheben ist „Genius und Dämon“ (1980), worin Ring die Geburtsbilder von schöpferisch Grossen aus sechs Jahrhunderten (von Leonardo da Vinci bis Georg Trakl) in tiefgründigen Werk- und Lebensskizzen beschreibt. In diesen Texten können wir „in actu“ Rings Meisterschaft astrologischer Deutung erleben. In ihnen kommen seine vielfältigen Begabungen so recht zusammen: Klarheit des Durchblicks, Reichtum der Deutungs-Einfälle, das Ueberraschende des jeweils aufschliessenden springenden Punktes, grosses historisches Wissen im Philosophischen, Politischen, Künstlerischen (sei es Literatur, bildende Künste, Musik), geschickte Dramaturgie der Beschreibung und in allem immer die Disziplin einer philosophischen Besonnenheit, die astrologische Wahrnehmung nicht abgleiten lässt in inflatorisches Erkennenwollen, sondern sie jederzeit einbindet im Menschlichen.

Vieles wäre noch zu sagen – und müsste wenigstens genannt sein, um der Eigenart von Rings Weltsicht und dem weitgespannten Bogen seines Schaffens gerecht zu werden. Auch in seinem astrologisch-philosophischen Werk stossen wir immer wieder auf das genuin Künstlerische seiner Wahrnehmung, worin der denkende und der schauende Mensch eine lebenslang befruchtende Verbindung eingegangen sind. Aus solcher Synthese heraus entwirft und fordert er einen neuen, umfassenderen Wissenschaftsbegriff. „Die Sinneswirklichkeit gilt dieser umfassenden Wissenschaft nicht nur als Steinbruch zur Absprengung von Begriffen für logische Baukästen, sondern der schöpferische Umgang mit ihr erschliesst Gesetze  lebendiger  Proportionierung. Hierbei hat der musische Mensch, der Künstler, etwas zu sagen. Schauen verwende ich in diesem Sinne als Inbegriff der Ermittlung solcher Wirklichkeiten in allen Kunstgattungen.“ →15. Thomas Ring, Lebenszeugnisse, Thomas Ring-Stiftung, Romanshorn 1982, S. 20.  Ganz aus der Erfahrung dieses eigenen doppelwertigen Weltbezugs betont Ring, dass sowohl beim schauenden als auch beim denkenden Vollzug das Wesentliche auf „kombinierten Verhältniswerten“ beruht; beiden gemeinsam ist ein „tektonisches Zueinander von Bestandgliedern“, sei es die Proportion der Begriffe im Denken oder die Abstimmung sinnlicher Mittel im Kunstschaffen. Was sich beidem so erschliesst, ist Ordnung, Anordnung – die Ordnungshaftigkeit, wie sie aus dem umschliessenden Ganzen auf allen Stufen des Seins in je gewandelter Form erscheint. Nicht zufällig kommt Ring im letzten Kapitel des „Grundgefüges“ zu einer bemerkenswerten Formulierung über den Geist: im „spontanen Setzen ordnender Punkte“ sieht er dessen „Wesenseigentümlichkeit“ Im Denken, fügt er bei, werde diese geistige Kerneigenschaft seelisch in Gebrauch genommen.

Fußnoten   [ + ]

1. 5. Thomas Ring, Lebenszeugnisse, Thomas Ring-Stiftung, Romanshorn 1982, S. 20.