Bruno von Flüe – Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring

Rings Erfassen der astrologischen Deutungselemente (des Vielschichtigen der darin möglichen Bezüge) vollzog sich wahrscheinlich mit grosser Schnelligkeit (um1919, 1920). Die Vertiefung in die Fülle und umfassende Gründlichkeit, die seine astrologische Wahrnehmung letztlich auszeichnet, brauchte Jahrzehnte. Wer das Bewegte, Kämpferische, Dialektisch-Schillernde, an Einfällen Ueberreiche, Experimentierfreudige von Rings Wesen kennt, wie es vor allem in der ersten Lebenshälfte „Regie führte“, der staunt ob der Kontinuität und inneren Konsequenz, mit der er – bei lange noch ungesichertem materiellem Unterbau – die wachsenden Kreise seines Werkes auszog.

Rings erste, noch sehr knappe Schrift „Die Ueberwindung des Schicksals durch Astrologie“ (1925) lässt, trotz ihres Anfangscharakters, die Intuition und hohe Begabung für Analyse und Synthese der Gestaltfaktoren im Geburtsbild bereits erkennen. Manches, vor allem das intellektuell denkerisch Erfasste, ist schon in grosser Klarheit da: die Betonung der Freiheit des Einzelnen, die Aussage-Grenzen (bezogen auf konkrete Umwelt, erbliches Potenzial und selbstbestimmenden Faktor) und auch die Idee einer wachsenden Ausgestaltung des Anlagengefüges. Was noch fehlt, geht einem beim Lesen dieses Büchleins ebenfalls auf: auf 78 Seiten wird das Ganze der Astrologie durchaus handlich vorgeführt, und dies in einer Sprache entschlossen zugriffiger Erkenntnis-Schematik. Das noch vereinfachend Enge dieser sprachlichen Durchführung steht im Kontrast mit der Weite des Geistig-Grundsätzlichen. Die Ausweitung in die menschliche Tiefenperson, in die Räume des Organischen und Seelischen, vollzog sich langsam, brauchte Zeit, und das umso mehr, als Ring hier nun Pionier-Arbeit zu leisten hatte. Bedeutsam wurde ihm darin die Begegnung mit R.H.Francé.

Francé (1874 – 1943), ein Mann höchst eigenwilliger Geistesart, war durch ausgedehnte Forschungen über die Pflanzenwelt und Mikroorganismen immer deutlicher zu einer umfassenden Schau einer siebenfachen Gesetzmässigkeit in allem Lebendigen gekommen. 1921 erschien sein Hauptwerk: „Bios“ (Untertitel: „Die Gesetze der Welt“). Darin unterscheidet er als Urmomente allen Lebens: Entität, Integration, Funktion, kleinstes Kraftmass, Selektion, Optimum und Harmonie. In Form von Gesetzen erscheinen diese Prinzipien in der Analyse jedes Seienden. Francé nimmt dabei einen streng biozentrischen erkenntnistheoretischen Standpunkt ein: Alles Sein, soweit wir es zu erfassen vermögen, entspricht dem Entwurf unseres Denkens. Denken aber wurzelt im Leben, in der Einheit des Bios. Ring erkannte sofort, in welch erstaunlichem Masse Francé (mit grosser Wahrscheinlichkeit  ohne die Kenntnis der Astrologie) zu Einsichten gelangt war, zu denen er selbst seit Jahren im Durchdenken biologisch-organischer Bezüge unterwegs war. Sechs dieser Lebensgesetze entsprachen ganz präzise den Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition; und eines, die Selektion, kam dem Marsischen nahe, jedoch mit einer charakteristischen Abweichung. (Diese Ungenauigkeit entsteht wohl, weil in Francé`s Gesamtschau das Gesetz der Harmonie (das Venusische) – ganz im Gegensatz zur astrologischen Erfahrung – die Rolle des obersten aller Prinzipien innehat. Das Marsische wird – unter diesen Systembedingungen – in seiner Eigenart abgeschwächt. Statt Prinzip  aktiver  Entäusserung, jedem Organismus innewohnend, erscheint es bei Francé als Prozess der Selektion, dem jeder Organismus  passiv  unterliegt.)

Wann Ring von Francé Kenntnis bekam, ist ungewiss. Sicher ist, dass beide in den Dreissiger Jahren in Graz einander begegneten. Für Ring waren Francé`s reichhaltige Beobachtungen unmittelbar an der Natur und seine intuitiven Formulierungen der sieben Gesetze von unschätzbarem Wert. Sie waren Bestärkung der eigenen Blickrichtung und legten mit einem Schlag eine Fülle von Erfahrungen frei, die der Fassung der Planeten-Prinzipien als Kategorien des Organischen einen tragenden Boden gaben.

1939 erschienen von Ring drei Veröffentlichungen: „Das Sonnensystem – ein Organismus“, „Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums“ und „Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt“. Vor allem die ersten zwei belegen, wie sehr sich Ring in diesen Jahren um die Klärung der einzelwissenschaftlichen Grundlagen der astrologischen Phänomene bemühte. In „Das Lebewesen im Rhythmus des Weltraums“ geht er zuerst den vielfältigen Beobachtungen über physikalische Auswirkungen von kosmischen Prozessen auf unserer Erde nach, um dann in Beispielen der  aktiven  Einstellung des Lebens auf kosmische Perioden zu jenen Erfahrungen zu kommen, die für die Erhellung des astrologischen Problems erst wirklich fruchtbar sind. Mit steigender Organisationshöhe sehen wir bei Pflanze und Tier strengere Formen der Einstellung auf Rhythmen unseres Sonnensystems. Beim Menschen scheint die physiologische Vererbung individueller Merkmale mit einem Eingepasstsein in kosmische Rhythmen zusammenzugehen. Was beim Tier noch die Gattung alleine (ihre Fortpflanzung) betrifft, bezieht sich beim Menschen auch auf seine Individualität. Das Geburtsbild erweist sich in dieser neuen Blickweise als ein „Entlassungsschein des Erbganges“ und hat nichts zu tun mit einer „Zauberformel des Zugriffs lebensfremder Mächte“. „Die Individualität wird nicht im Geburtsaugenblick durch eine Einwirkung von aussen geschaffen, sie ist eine vorgeformte, aus der elterlichen Mischung hervorgehende Anlagestruktur. Bestimmte, erbbiologisch herausgebildete Anlagen können aber erst dann aus dem Bereiche der Möglichkeiten in den der Wirklichkeit treten, wenn sie zu einem Strukturbild vereinbar sind, dessen Verhältniswerte dem geozentrisch gesehenen Zustand der uns umschliessenden Ordnungsgrösse, des Sonnensystems, entsprechen. Die einbeschlossene Ganzheit Lebewesen ist determiniert durch die umschliessende Ganzheit Gestirnsystem.“ →14. Thomas Ring, Planeten-Signaturen, Diessen vor München 1938, S 4.

Fußnoten   [ + ]

1. 4. Thomas Ring, Planeten-Signaturen, Diessen vor München 1938, S 4.