Bruno von Flüe – Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring

In den letzten drei Jahrhunderten wurden im Raume jenseits von Saturn weitere Planeten entdeckt – Uranus (1781), Neptun (1846) und Pluto (1930). Der griechische Mythus hatte längst in den Prinzipien des Uranischen, Neptunischen und Plutonischen eine Welt von noch archaischeren Kräften beschrieben, welche „vor“ oder „hinter“ unserer innersaturnischen erdnahen Ordnung liegt, diese umgreifend und durchdringend. In unserem Jahrhundert erleben wir, wie diese Gestaltmächte aus dem noch tieferen Welthintergrund zunehmend unseren Wirklichkeitbezug mitformen, ausweiten und zum Teil gefährlich entgrenzen. Der Vorstoss der Physik in die subatomare Welt der Elementarteilchen, ihre immer weiter ausgreifenden Anwendungen in Astronomie, Biologie und Medizin, unser merkwürdig hoffnungsvoller Umgang mit der Kernenergie – all das sind Anzeichen, faszinierende und abgründige, der geschehenden Ausweitung in den transsaturnischen Hintergrundraum.

Es muss für den jungen Ring ein ungeheures geistiges Faszinosum gewesen sein, in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg der Astrologie zu begegnen. Mit dem Instinkt des geistig Ueberwachen erkannte er die wissenschaftliche und philosophische Tragweite einer Sache, die über weite Teile noch unter einem Wust von Aberglauben, esoterischer Spekulation, gutgläubiger Inflation und Geschäftemacherei begraben lag.
Ihm, dem jungen Intellektuellen und Künstler, der im Berlin der Nachkriegszeit so richtig durchgeschüttelt wurde von den Umwälzungen des eben begonnenen Jahrhunderts, bot sich der Einblick in Zusammenhänge, die uralter Tradition entsprangen und doch (gerade das muss er früh erkannt haben) die Keime für ein neues, umfassenderes Menschenbild schon in sich trugen. Und das Erregendste an allem: es war nicht Philosophie oder religiöse Spekulation – sondern greifbare Erfahrung, die sich immer wieder und wieder am Messbild konkreter Menschen zu staunenswerter Evidenz erhärtete.

In Vorlesungen über Physik hatte er von Einsteins Neuerungen vernommen, die immer deutlicher über Newtons mechanische Naturauffassung hinausführten, von Jakob von Uexküll und Hans Driesch wusste er um die Kämpfe innerhalb der Biologie, in welchen man um eine realistische aber doch gestalthaft ganzheitliche Erfassung des Lebendigen rang, und mit dem Philosophen Nicolai Hartmann fand er einen, der in beharrlicher Kleinarbeit die ontologische Reflexion über den Aufbau der realen Welt vorantrieb und mit Sorgfalt versuchte, die schichtspezifische Eigenart des Materiellen, Organischen, Seelischen und Geistigen unterscheidend festzuhalten. Zu allen diesen brennenden Fragen hatte die Astrologie – wenn seine Erfahrungen am einzelnen Kosmogramm standhielten – ein gewichtiges Wort mitzureden. Nicolai Hartmanns „Abbrechen des Mathematischen“ auf der Stufe des Seelischen und Geistigen konnte nicht stimmen. Die Anordnung der Wesenskräfte, messbar im Tierkreis des einzelnen Geburtsbildes, formt mit und trägt die Gestaltzüge schöpferischer Entwicklung sowohl im Seelischen wie auch im noch offeneren Raum des Geistigen. Die Welt schien viel konsequenter und grossartiger „Kosmos“ im menschlichen „Inseits“ zu sein als die meisten Naturwissenschaftler und Philosophen es erkennen konnten. „Hinsichtlich des menschlichen Wesensgefüges lehrte die Erfahrung: dasselbe Element, das die Physiognomie bestimmt und in leiblichen Organfunktionen deterministisch zum Ausdruck kommt, kehrt im Seelischen wieder, gestaltet sich urbildhaft, temperaments- und stimmungsmässig, rhythmologisch in analoger Eigenart und projiziert sich in einen Denkstil, der vorgefundene Anschauungsweisen individuell abwandelt. Organische Gestaltbaukräfte und innerseelische Wesenskräfte sind dasselbe, ausgewirkt in Kategorien verschiedener Seinsebenen. Es handelt sich um etwas  den  Bau  der  Seinsebenen  Durchragendes, das Körperbau, Konstitution sowie Charakter, Geistesart ineinander verschränkt.“ →12. Thomas Ring, Mein Alphabet, Buchstabe P, Thomas Ring-Stiftung, Romanshorn 1978.

Mit diesem „Durchragenden“, das der astrologischen Gestalt-Logik ursprünglich eignet, war Rings philosophisches Lebensthema angeschnitten. Von frühesten Versuchen (wohl noch vor 1920) bis zu seinem letzten Buch „Das Grundgefüge“ (erst nach seinem Tode veröffentlicht) spannt sich dieser Bogen. Ende der 1950er Jahre fasst er ihn in folgenden Sätzen: „Das Ureigene der Astrologie als Menschenkunde, ihr Beitrag an die Gegenwart mit ihren Problemen, besteht in etwas, wodurch sich empirische Tatsachensammlungen erst zusammenschliessen: innere Einheit einer auf Welt hin entworfenen organisch-seelisch-geistigen Struktur des Menschen. Gespiegelt  am Welthintergrund seines Antretens erweist sich der Einzelne determiniert, Struktur ist Schicksal und auf jedem erreichten Niveau stellt sie sich wieder her. Im Querschnitt gesehen bleibt er unveränderlich derselbe. Zugleich aber bezeichnet der selbstbestimmende Faktor in ihm das Weltoffene, Ansteigende. Es gibt dennoch freie Entscheidungswahl, Streben, geschichtlichen Weitergang, mit dem Niveau ändern sich die Entsprechungen, mit hinzugewachsener Welt wechseln die Dinge aus, in denen sich sein Wesen manifestiert. In diesen beiden Blickweisen, deren Paradoxie wir im Gedanken der Entwicklungsspirale aufheben, ist der Mensch gleichzeitig ein vorbestimmtes Ganzes wie eine ständig offene Frage: „geprägte Form die lebend sich entwickelt“.“ →23. Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde, Bd.2, Freiburg 1969 (2.Auflage), S. 45 (Sperrung vom Zitierenden).

Fußnoten   [ + ]

1. 2. Thomas Ring, Mein Alphabet, Buchstabe P, Thomas Ring-Stiftung, Romanshorn 1978.
2. 3. Thomas Ring, Astrologische Menschenkunde, Bd.2, Freiburg 1969 (2.Auflage), S. 45 (Sperrung vom Zitierenden).