Bruno von Flüe – Zum astrologisch-philosophischen Werk von Thomas Ring

Im Zentrum von Thomas Rings Leben als eines geistigen Abenteuers stand die Astrologie. Ring war gewiss Zeichner, Maler, Lyriker, Aphoristiker, Schriftsteller, Menschenberater und Philosoph – alle diese vielfältigen Begabungen seiner elementar künstlerischen Persönlichkeit sammelten sich aber im Erfahrungsfeld der Astrologie als einem mächtigen Brennpunkt, worin während sechs Jahrzehnten in nie abbrechender Arbeit ein weitverzweigtes Werk heranwuchs. Es ist zu vermuten, dass weder Rings malerisches noch sein dichterisches Schaffen und ganz gewiss nicht sein philosophisches Grundanliegen befriedigend nachvollzogen werden kann, ohne die konkrete Erfahrung astrologischer Gestaltschau, mit der ihr eigenen Evidenz und versammelnden Konsequenz.
Rings Verständnis und seine Neufassung der astrologischen Phänomene wurzeln ganz im Gestaltschöpferischen der menschlichen Tiefenperson. Nicht mehr von Einflüssen der Gestirne auf den Charakter des Menschen ist da die Rede, sondern vom Eingebautsein des Organismus in das Ordnungsganze unseres Sonnensystems. Der schöpferischen Wirkmächtigkeit des Lebendigen selbst entspringt diese Ein-Ordnung ins umgreifend Ganze – und folgt damit, je nach der Komplexität des Organismus, den Möglichkeiten, der Wirkfülle seiner Art. Die Planeten-Prinzipien der astrologischen Tradition erweisen sich innerhalb dieser neuen Sicht zuerst einmal als  organische  Gestaltbildekräfte, als morphologisch steuernde Faktoren, wie sie im natürlichen Aufbau eines jeden Organismus anzutreffen sind.

Was Ring in jahrelanger Bemühung sehen lernte und in behutsamer Begrifflichkeit herausarbeitete, können wir heute leichter und in Kürze formulieren: Jeder Organismus stellt in sich selbst eine zentrierte Einheit dar und drückt aus seiner Mitte heraus eigene Lebensmächtigkeit aus. Dies ist das Moment des  Sonnenhaften  in seinem Gestaltbau. Zugleich ist er aber immer auch wesenhaft Teil einer Umwelt; er steht über unzählige Funktionen mit ihr in Verbindung, ist im Austausch mit ihr auf sie hin offen. Auch in sich selbst besteht er aus vielfachen Teilen und Teilbereichen, die alle über mannigfache Funktionskreisläufe miteinander verbunden sind. Darin zeigt sich seine  mondhafte  Seite. Im weiteren ist er in seiner Wesensart und Individualität an eine Strukturform gebunden, in dieser eingegrenzt und gehalten, gewinnt daraus Dauer und Stabilität. Seit die naturwissenschaftliche Erkenntnis in den 50er Jahren den genetischen Code, wie ihn jede Körperzelle enthält, zu entschlüsseln vermochte, ist ihr der bisher wohl genialste Einblick in das Gestaltbau-Moment des  Saturnischen  gelungen. Im weiteren sehen wir jeden Organismus als ein System, das in vielfacher Weise abgestimmte Anordnung (Symmetrien, Proportionen, Gleichgewichte) darstellt; hierin zeigt sich das Prinzip des Venusischen. Das  Marsische, der polare Gegensatz zum Venusischen, finden wir in aktiver Entäusserung, Einsatz auf ein Ziel hin, Wettstreit, Kampf. Auch dies gehört wesenhaft zum Gestaltbau des Organischen.

Das Prinzip des  Merkurischen  wiederum zeigt sich in der Zweckmässigkeit, der ökonomischen Durchgestaltung, aus der heraus ein Organismus ihm wichtige Ziele mit rationellen Mitteln erreicht. Und letztlich haben wir in der Gesamtbewegung aller organischer Funktionen auf ein Realbestmögliches, ein Optimum hin das  Jupiter-Prinzip vor uns. Ohne dieses wäre Gedeihen, Gelingen und Entfaltung als übergreifendes Wachstum nicht möglich. →11. Einige Formulierungen in diesem Aufsatz sind übernommen aus: Bruno von Flüe, Das ganze Gesicht meiner Jahre, Das Geburtsbild Rainer Maria Rilkes, eine astrologische Deutung, Stuttgart 1988. Ich danke dem Kreuz-Verlag für die Erlaubnis des Abdruckes.

Mit diesen sieben Prinzipien (die wir nur gerade in ihrer Kennzeichnung als Momente des organischen Gestaltbaus nannten, ohne auch nur im geringsten die Fülle ihrer Entsprechungen auf anderen Ebenen zu berühren!) schliesst die Ordnung des normalen Aufbaus. Dem „kosmologischen Blick“, welcher genuin in Ordnungszusammenhängen (Anordnungen) – und nicht in Kausalwirkungen – denkt, fällt auf, dass diese sieben klassischen Planeten-Prinzipien im Aussen jenem Bereich unseres Sonnensystems entsprechen, welcher dem Menschen gerade noch mit dem technisch unbewaffneten Auge wahrnehmbar ist. An der Grenze dieser sinnlich eben noch fassbaren Welt finden wir Saturn, in seiner Stellung in eigenartiger Weise seinen morphologischen Gehalt spiegelnd: der Grenzsetzer, in Struktur und Form Einbindende, Ver-haltende.

Fußnoten   [ + ]

1. 1. Einige Formulierungen in diesem Aufsatz sind übernommen aus: Bruno von Flüe, Das ganze Gesicht meiner Jahre, Das Geburtsbild Rainer Maria Rilkes, eine astrologische Deutung, Stuttgart 1988. Ich danke dem Kreuz-Verlag für die Erlaubnis des Abdruckes.