Annette Rainer – Kosmologische Bilderreihen

Zu einem wesentlichen Schaffensschwerpunkt zwischen 1937 und 1942 wird für Gertrud Ring die bildnerische Umsetzung der astrologischen Forschungsergebnisse ihres Mannes Thomas Ring. Es entstehen mehrere kosmologische Bilderreihen wie zum Beispiel die „Tierkreisbilder“. Das Tierkreisbild Steinbock wird das Titelbild für Thomas Rings Buch „Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt“, das 1939 erscheint.

Der Bilderreihe „Pflanzenformen und Wesenskräfte“, in der sie den Planeten zugeordnete Herbarien darstellt, gehen intensive Pflanzenstudien voraus. In Hitzendorf bei Graz wohnt eine alte Freundin Gertruds, Lucie Bohlsen, die mit ihrer Schwester und ihrem Schwager, dem Heilpraktiker Paul Hoffmann, ebenfalls aus Deutschland geflüchtet war. Thomas und Gertrud Ring besuchen sie oft und tauschen die Erfahrungen und Beobachtungen ihrer botanischen Forschungen aus.

Gertrud Ring hat die Bilder der Reihe „Pflanzenformen und Wesenskräfte“ auf der Rückseite auch von der Signatur her charakterisiert. So zum Beispiel bei Mars:

„Das Stachelige, Scharfe, Beißende.“

In den Bilderreihen „Formprinzipien des Tierkreises“ sowie „Formelemente und Farbwerte der Planetenkräfte“ und „Planetenkräfte und der Tierkreis in gegenseitiger Durchdringung“ führt Gertrud Ring ihre stilistische Entwicklung in die Abstraktion weiter. In einem Brief an ihre Freundin Margret Bilger schreibt Gertrud Ring 1937: „…Ich habe endlich angefangen systematisch zu arbeiten, habe die Formelemente und Farbwerte der Planetenkräfte dargestellt und bin jetzt dabei in einzelnen Tafeln die Demonstrationen in der Natur zu zeichnen und zu malen. Sie würden sich sehr freuen, wenn Sie die Blätter sähen, wir können damit im Herbstkursus bei Scheuers arbeiten. Man sieht die Dinge dann wieder ganz anders, sehr spontan und unmittelbar wirken sie, wenn sie so optisch zum Ausdruck kommen. Ich habe große Pläne mit dieser Sache, möchte am liebsten das ganze System in all seiner Vielverzweigtheit darstellen. Eine jahrelange Arbeit. Ich bin sehr glücklich damit…“

Die wohl komplexeste Bilderreihe ist „Planetenkräfte und der Tierkreis in gegenseitiger Durchdringung.“

Der Tierkreis, der als ein gleichnishaftes Abbild des Jahres und des Lebens gilt, entspricht der Bahn, welche die Sonne aus Sicht der Erde in einem Jahr vollzieht. Er ist ein „gedachter“ Kreis um die Erde, der in zwölf 30°Abschnitte eingeteilt ist. Der Tierkreis ist letztlich also nichts anderes als die in zwölf Stationen geteilte Sonnenlaufbahn. Der Kreis beginnt am 21. März, der ersten Tag-und-Nacht-Gleiche bzw. dem Frühlingsanfang. Diese zwölf Kreisstücke sind mit Bildern, den Tierkreiszeichen, besetzt. Gertrud Ring stellt in dieser Bilderreihe „Planetenkräfte und der Tierkreis in gegenseitiger Durchdringung“ die spezifische „Einfärbung“ von Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun durch die Tierkreiszeichen dar. In diesen neun Bildern entstehen 108 unterschiedliche Planeten-Tierkreiszeichen-Kombinationen. Zur Orientierung: In allen Bildern dieser Reihe durchlaufen die Gestirne den Tierkreis in derselben Reihenfolge, links Widder, dann gegen den Uhrzeiger laufend Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische.

Alle Bilderreihen wurden auch als Anschauungsmaterial für die astrologischen Kurse von Thomas und Gertrud Ring verwendet. Mit dem Argument, es handle sich bei diesen Arbeiten um „angewandte Kunst“ zur Illustration geistiger Zusammenhänge, vermochte sich die Künstlerin gegen allfällige Übergriffe der Nazis zu schützen. Ihren abstrakten kosmologischen Arbeiten kommt durchaus ein Moment des Widerstands zu, da diese das Kunstdiktat des nationalsozialistischen Regimes unterliefen.