Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Bereits 1937 schreibt sie in einem Brief an Margret Bilger: „…Ich habe endlich angefangen systematisch zu arbeiten, habe die Formelemente und Farbwerte der Planetenkräfte dargestellt und bin jetzt dabei in einzelnen Tafeln die Demonstrationen in der Natur zu zeichnen und zu malen. Sie würden sich sehr freuen, wenn Sie die Blätter sehen, wir können damit im Herbstkursus bei Scheuers arbeiten. Man sieht die Dinge dann wieder ganz anders, sehr spontan und unmittelbar wirken sie, wenn sie so optisch zum Ausdruck kommen. Ich habe große Pläne mit dieser Sache, möchte am liebsten das ganze System in all seiner Vielverzweigtheit darstellen. Eine jahrelange Arbeit. Ich bin sehr glücklich damit…“→119. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Margareth Bilger, 10. August 1937, Privatarchiv Erp Ring, Graz

1942 ordnet Gertrud Ring eine Bilderreihe unter dem Titel „Gesichte, Gestalten, Gleichnisse“ nach einem Traum, den sie auch niedergeschrieben hat. Ich zitiere Passagen dieser Niederschrift, weil sie uns etwas über Gertrtud Rings Bilder erzählen.
„Es begann mit einer Reise. Ich machte mich auf den Weg, um aus der Ungewißheit einen Schein der Gewißheit zu holen […] ich wandte mich spontan einer Höhle zu […] von da an folgte ich einem Licht, einem Fünklein, das voranging. […] ich trat unerwartet durch ein Tor, an welches das Fünklein pochte, in das Berginnere…
Statt des bizarren Zwergenreiches, der Kristall- und Zauberwelt, die man in solchen Fällen betritt, befand sich in winkelrechten Wänden in mehreren Sälen hintereinander eine Ausstellung abstrakter Gemälde. Gott sei Dank brauche ich sie nicht zu beschreiben, schon der Versuch wäre hoffnungslos […] Doch die Titel, offenkundig keine Verlegenheitstitel wie üblich und in der nummerierten Folge mit Absicht so und nicht anders gewählt, habe ich mir genau gemerkt.
Der Fischmensch / Vermauerte Kraft
Der ferne Geliebte / Die Erscheinung der toten Schwester
Phönix / Neptunische Gebilde
Eifersucht auf dem Laufsteg / Die stocksteifen Gratulanten
Der Zukunft zugewandt / Gnom im Auge sucht vergeßne Größe
Eingegarnt / Am Rande der Welt
Die große Traumblume / Anbetung des Mondes, u.s.w.
Man kann sich vorstellen wie verständnislos ich diese Titel las. Unmittelbarer sprachen meist die Bilder selbst mich an, sie weckten diese und jene Anklänge. Ich brauchte kein Gesicht für andere aufzusetzen, war ganz allein mit mir, denn soviel wurde mir allmählich klar, diese Bilder schienen Teil meines Eigenen zu sein. […]
Sollte diese Kunstausstellung eine geheime Bloßstellung vor mir selber sein? […] Dann erst entdeckte ich die Titel als Schlüsselworte zur Eröffnung verborgener Kammern […]. Das ärgerlich Anekdotische, das Fingerweisende jener Titel bezog sich ja gar nicht auf die Bilder, sondern auf etwas, was mein kümmerlicher Verstand aus unbeschreiblichen Erlebnissen gezogen und sozusagen umgeformt hatte.“
→220. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv Erp Ring, Graz
Ab 1943 spitzt sich die Situation für Gertrud und Thomas Ring immer mehr zu. Im April wird Thomas nach seinem Ausschluss aus der Reichskultur- wie aus der Reichschrifttumskammer aufgefordert, seiner Meldepflicht für Aufgaben der Reichsverteidigung nachzukommen. Schließlich soll er sogar in ein norwegisches Strafbataillon eingezogen werden. Ein berufliches Angebot eines Freundes aus der Berliner Zeit, Hans Bender, an das Paracelsus-Institut nach Straßburg zu kommen, nimmt er daher gerne an. Gertrud verlässt Graz einen Monat später, um ihrem Mann nach Straßburg zu folgen. Kurt Weber, Fritz Silberbauer, Alfred Wickenburg und Erich Hönig verabschieden sich mit Bildergeschenken.

1944 wird Straßburg durch die Alliierten befreit, die Thomas und Gertrud Ring – obwohl diese vom NS-Regime verfolgt wurden – verhaften und in ein Internierungslager bringen.
Gertrud Ring stirbt, krank und durch Hunger geschwächt, 1945 im Lager St. Sulpice in Südfrankreich.
Der Nachlass von Gertrud Ring wurde nach ihrem Tod von Thomas Ring aufbewahrt. Der Großteil ihres künstlerischen Schaffens aus der Berliner Zeit ist verschollen beziehungsweise wurde bei der Wohnungsdurchsuchung von den Nationalsozialisten zerstört, wie auch viele Werke ihres Mannes Thomas Ring. So ist uns kein einziges Ölbild erhalten geblieben, da Gertrud Ring nach der Emigration von Berlin nur noch Aquarell-, Wasserfarben und Tusche sowie Buntstifte und Ölkreide für ihr bildnerisches Werk zur Verfügung standen.
Aquarelle, Zeichnungen und Manuskripte aus der Berliner Zeit konnten aber gerettet werden. Wir können allerdings nur Vermutungen anstellen, wie diese die Zeit und die Ereignisse überlebt haben.
Wurden sie von Gertrud Ring stets mitgeführt, haben sie durch Freunde der Familie Ring in Berlin überlebt? Durch ein fragmentarisches, von Gertrud Ring geführtes Werkverzeichnis sowie durch die Ausstellungskataloge aus der Berliner Zeit, haben wir einen vagen Überblick über ihr Schaffen. Viele Bilder sind jedoch auch undatiert und müssen durch thematische und stilistische Analysen einem bestimmten Zeitabschnitt zugeteilt werden. Hilfreich dafür sind die stets genau datierten literarischen Arbeiten von Gertrud Ring, die oft in enger Beziehung zu ihrem bildnerischen Werk stehen. Nach dem Tod von Thomas Ring 1983 wurde Gertrud Rings Nachlass von Thomas Rings zweiter Frau Irmtraut Ring an die Söhne Erp und Thore übergeben. Diese wussten bis dahin nichts von den noch erhalten gebliebenen Arbeiten ihrer Mutter. Vor allem Erp Ring bemühte sich um eine Aufarbeitung ihres Nachlasses und um die posthume Würdigung der Arbeiten von Gertrud Ring. 1997 verfasste er in den Werkstattblättern der Thomas Ring Stiftung erstmals einen Überblick über Leben und Werk von Gertrud Ring. Durch die Recherchen von Günter Eisenhut wurden Bilder von Gertrud Ring erstmals wieder 2001 in der Ausstellung„Moderne in Dunkler Zeit. Widerstand, Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler. 1933 – 1945“ in der Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz gezeigt. Nach dieser Wiederentdeckung folgten eine Reihe von Vorträgen, Publikationen und Ausstellungen über Leben und Werk von Gertrud Ring (siehe Publikations- und Ausstellungsverzeichnis).

Fußnoten   [ + ]

1. 19. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Margareth Bilger, 10. August 1937, Privatarchiv Erp Ring, Graz
2. 20. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv Erp Ring, Graz