Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Auch mit dem Schriftsteller Theo Sapper verbindet sie eine enge Freundschaft, die vor allem durch das gemeinsame Interesse am Schreiben getragen ist. Theo Sapper interessiert sich für die literarischen Arbeiten von Gertrud Ring.1934 schreibt sie „Dialoge einer Spinx“, 1936 „Das Geschenk des Himmels und der Erde, ein Fragment“ sowie die Romane „Meer Stadt Land“ und „Die sexuelle Pause.“→114. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichte Manuskripte, Privatarchiv Erp Ring, Graz
1935 – 40 entstehen mehrere Gedichtbände wie „Der tanzende Ton, Planetengedichte“ und „Gedichte in 6 Phasen.“→215. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichte Manuskripte, Privatarchiv Erp Ring, Graz
Gertrud Rings literarisches Schaffen ist bis heute unveröffentlicht; es steht inhaltlich in enger Verbindung mit ihrem bildnerischen Werk. Sowohl in ihren Schriften wie in ihren Bildern spiegelt sich immer wieder der Konflikt zwischen ihrem Selbstbewusstsein als moderne, emanzipierte Frau und der immer reaktionärer werdenden Definition der weiblichen Rolle seitens des Staates.
Gertrud Rings künstlerische Entwicklung in Graz verläuft diametral zu der ihres Mannes. Während Thomas Ring zwar Kontakt zur Grazer Sezession aufnimmt, sich in dieser Zeit aber immer mehr von der Malerei abwendet und sich vorwiegend seinen astrologischen Forschungen widmet, beginnt für Gertrud Ring eine sehr produktive künstlerische Phase, in der sie sich weder inhaltlich noch formal dem staatlichen Kunstverständnis anpasst. Gertrud Ring tritt nach ihrer Flucht aus Deutschland nicht mehr öffentlich als Künstlerin hervor, sie bewirbt sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht um eine Aufnahme in die Reichskulturkammer, weshalb sie auch nur über ihren Mann Zugang zu Malmaterialien hat.
Ihr Sohn Erp Ring erinnert sich an die Zeit in Graz: „…Die Arbeiten von Gertrud kannte ein kleiner Kreis, denn sie machte nicht viel Aufsehen um ihre Bilder und schriftlichen Werke. Selbst wir Söhne bekamen nur ganz selten Einblick, denn zum Malen und Schreiben kam sie immer nur, wenn wir in der Schule oder mit unseren Freunden unterwegs waren. Nach draußen sollte ja auch über unbedachte Äußerungen der Söhne nichts von ihrer Malweise und ihrer Einstellung dringen.“* →316. Erp Ring, Werkstattblätter 2001, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 2001, S. 11,12
In dieser Schaffensperiode der Inneren Emigration entstehen viele ihrer „bedeutendsten Arbeiten, die zu den wenigen Beispielen moderner Malweise und des kulturellen Widerstands in der Steiermark zählen.“→417. Günter Eisenhut: Moderne in dunkler Zeit. Widerstand Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933-1948. Graz/Wien: Droschl 2001, S. 345
Viele der in Graz entstandenen Bilder sind verschlüsselte Zustands- und Empfindungsprotokolle
von radikaler Offenheit. Wie schon in den 20er Jahren sind ihre Bilder vom Konstruktivismus,
Kubismus, Expressionismus und Surrealismus beeinflusst, entziehen sich letztlich aber einer eindeutigen Zuordnung zu einem bestimmten Stil.

Im Verborgenen entstehen viele ihrer bedeutendsten Arbeiten, die nicht nur durch ihre stilistische Modernität, sondern auch durch ihre gesellschaftskritischen Aspekte das Kunstdiktat des austrofaschistischen und später des nationalsozialistischen Regimes unterliefen.
Die Bilder aus dieser Zeit sind Zeugnisse einer Künstlerin im Kampf um Freiheit, Autonomie und
Emanzipation im Moment größter Bedrängnis.
Nach dem „Anschluss“ 1938 werden Gertrud und Thomas, nachdem ihre Wohnung durchsucht wird, getrennt voneinander von der Gestapo in der Paulustorgasse verhört.
Zwei an Thomas Ring adressierte Briefe, die offizielle Angebote der Nazis enthalten, seine astrologischen Forschungen in ihren Dienst zu stellen, erweisen sich in dieser gefährlichen Situation zunächst als hilfreich. Doch Thomas Ring lehnt diese Aufträge ab. Darauf hin werden den Rings sämtliche künstlerische und astrologische Betätigungen, die für den Erhalt ihrer Existenz notwendig sind, verboten. Davor gelingt es Thomas Ring noch folgende astrologische Bücher zu veröffentlichen: „Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt“, „Das Sonnensystem – Ein Organismus“ und „Das Lebewesen im Rythmus des Weltraumes.“ Für das Buch „Menschentypen in Bildern des Tierkreises gespiegelt“ gestaltet Gertrud Ring das Titelblatt.
Da sie ohnedies in die astrologische Arbeit ihres Mannes eingebunden ist, verlegt sie ihren malerischen Schwerpunkt immer mehr darauf, seine Forschungsergebnisse bildnerisch umzusetzen. Gertrud Rings abstrakten kosmologischen Arbeiten kommt insofern ein besonderes Moment des Widerstands zu, als diese das Kunstdiktat des Regimes zu unterlaufen vermochten. Zwischen 1937 und 1942 entstehen mehrere kosmologische Bildreihen:
„Tierkreisbilder, Formprinzipien des Tierkreises“ sowie „Formelemente und Farbwerte der Planetenkräfte“ und „Planetenkräfte und der Tierkreis in gegenseitiger Durchdringung.“ Darüber hinaus entsteht die Reihe „Pflanzenformen und Wesenskräfte“ in naturalistischem Stil, in der sie den Planeten zugeordnete Herbarien darstellt.→518. Die Bilderreihen befinden sich im Privatarchiv Erp Ring, Graz

Fußnoten   [ + ]

1. 14. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichte Manuskripte, Privatarchiv Erp Ring, Graz
2. 15. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichte Manuskripte, Privatarchiv Erp Ring, Graz
3. 16. Erp Ring, Werkstattblätter 2001, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 2001, S. 11,12
4. 17. Günter Eisenhut: Moderne in dunkler Zeit. Widerstand Verfolgung und Exil steirischer Künstlerinnen und Künstler 1933-1948. Graz/Wien: Droschl 2001, S. 345
5. 18. Die Bilderreihen befinden sich im Privatarchiv Erp Ring, Graz