Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Zwei Monate nach ihrer Flucht übernehmen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland.
Die Wohnung der Familie Ring wird verwüstet, und die Druckplatten zu Thomas Rings Roman „Die hohe Schule“ werden vernichtet.
Erster Zufluchtsort wird Baden bei Wien, wo sie bei einem Freund, dem jüdischen Rechtsanwalt Otto Hahn, eine Unterkunft finden. Da die politische Situation auch in Österreich durch die Ausschaltung des Parlaments immer unsicherer wird, zieht die Familie Ring in ein entlegenes Alpental in der Steiermark, nach Johnsbach im Gesäuse.
Sie ziehen zum vorletzten Bauern in der “Luck´n“, wo sie im Ebnerhof in einer kleinen Kammer wohnen. Aus einer Großstadt wie Berlin kommend, erschließt sich hier für beide eine völlig neue Welt.
Von der Landschaft und den Menschen ist Gertrud Ring tief beeindruckt. An ihre Freundin Hannah Höch schreibt sie 1933:
„Ich bin überwältigt von der Landschaft hier, sodass ich weder Blei noch Pinsel anfasse, ich habe auch zum ersten mal in meinem Leben hohe Berge gesehen.“→111. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, März 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz
Weiters schreibt sie: „Die Menschen – besonders die Frauen hier gehen mich unendlich viel an…“→212. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, März 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz
Im Juni des gleichen Jahres schreibt sie an Höch weiter: „Es ist hier manchmal ein bisschen zu zweieinsam“.→313. Nachlass Gertrud Ring,Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, Juni 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz
Aus Geldnot schreibt sie an Freunde und Bekannte, um Abnehmer für Thomas´ astrologische Lehrbriefe zu finden. Es gelingt ihr immerhin, 33 Abonnenten zu finden, darunter namhafte Künstler.
Der Rückzug nach Johnsbach verhindert nicht, dass Gertrud und Thomas von ihrer politischen Vergangenheit eingeholt werden.
Nach dem Februaraufstand von 1934 ist ihre Situation äußerst gefährdet. Sie werden noch im selben Monat (Februar 1934) von der österreichischen Staatspolizei verhört. Da die Familie Ring in Johnsbach weder von Kunst noch von Astrologie leben kann und sie ihrem Sohn Erp den Besuch eines Gymnasiums ermöglichen will, entscheidet sie sich für eine Übersiedlung nach Graz.

Sie wohnen immer äußerst bescheiden, da weder Thomas noch Gertrud Ring über ein gesichertes Einkommen verfügen. Die Bücherregale bestehen aus übereinander gestellten Holzkisten, die Kinder müssen in der städtischen Ausspeisung essen.
Weder Gertrud noch Thomas Ring können Arbeit finden, da das „Inländerarbeiterschutzgesetz“ einem Beschäftigungsverbot für Ausländer gleichkommt. So sind es vor allem astrologische Beratungen, die meistens Gertrud durchführt, sowie von Gertrud und Thomas gehaltene Astrologiekurse, die das Überleben der Familie sichern. Gertrud Ring ist die erste, die die revidierte Astrologie Thomas Rings praktiziert. Ende 1934 reist Thomas Ring nach Sanary sur mer in Südfrankreich zu Eva Hermann, um dort Aufträge für astrologische Besprechungen zu bekommen und um ein neues Exil zu erkunden.
Der Grazer Maler Wilhelm Thöny (Schwager von Eva Hermann), den er dort kennen lernt, vermittelt ihm weitere Kontakte aus dessen Grazer Freundeskreis sowie zur Grazer Sezession.
Daraus sollten sich später Bekanntschaften zu Kurt Weber, Erich Hönig, Fritz Silberbauer, Alfred Wickenburg, Hans Stockbauer, Herbert Eichholzer, Rudolf Pointner und Walter Ritter ergeben.
1936 werden die Pässe der Familie Ring eingezogen. Von nun an sind sie staatenlos. Damit sind sie in einer sozial und rechtlich schwierigen Lage. Sie sind nun gezwungen, in Österreich zu bleiben und sich politisch bedeckt zu halten. Behördengänge, Geld verdienen, Kindererziehung und Hausarbeit sind allein Gertrud Ring überlassen. Sie befreit ihren Mann von diesen Belastungen und ermöglicht ihm dadurch, an seinen astrologischen Büchern zu arbeiten. Erstaunlicherweise gelingt es ihr dennoch, ihr bildnerisches und literarisches Schaffen weiterzuführen.
Trotz der schwierigen Umstände erfahren Gertrud und Thomas Ring auch Halt und Unterstützung durch Freunde und Gleichgesinnte. Dem Personenkreis, der sich in der Morellenfeldgasse im Haus der Familie Bilger trifft, stehen die Rings sehr nahe. Die Wohnung von Ferdinand und Maria Bilger ist ein Treffpunkt des intellektuellen Widerstands gegen den Faschismus. Zu den Gesprächsrunden, welche die Rings bei sich veranstalten, kommen unter anderen der Maler Kurt Weber, der Tänzer Harald Kreuzberg, der Sänger Herbert Thöny, sowie die Malerin und Grafikerin Margret Bilger.
Mit Margret Bilger ist Gertrud nicht nur freundschaftlich sondern auch künstlerisch verbunden. Beide thematisieren in ihren künstlerischen Werken immer wieder starke mythische Frauenfiguren, die eine Gegenposition zu einer von patriarchalen Wertmaßstäben geprägten Gesellschaft verkörpern. Gertrud Ring ist besonders gut mit Mela Stockbauer, der Frau des Malers Hans Stockbauer, befreundet.

Fußnoten   [ + ]

1. 11. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, März 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz
2. 12. Nachlass Gertrud Ring, Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, März 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz
3. 13. Nachlass Gertrud Ring,Brief von Gertrud Ring an Hannah Höch, Juni 1933, Privatarchiv Erp Ring, Graz