Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Um die Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft auszudrücken, entwickelt Gertrud Ring eine eigene Bildsprache, in der der weibliche Körper zum Symbol von Fremdbestimmung und Einschränkung wird, dargestellt zum Beispiel durch das Fehlen von Gliedmaßen. Die Asymmetrie der Machtverhältnisse der Geschlechter thematisiert Gertrud Ring in ihren Familiendarstellungen, bei denen sich die gesellschaftlich definierten Rollenbilder enigmatisch in die Körper der Protagonisten eingeschrieben haben und zur unüberbrückbaren Kluft werden. Auch bei erotischen Darstellungen betont sie den Diskurs der Macht, das Unterscheidende und Trennende sowie die Einsamkeit des Individuums. Sie widmet ihre Aufmerksamkeit den Konfliktpotentialen und Entfremdungsprozessen und den daraus resultierenden Gefühlen der Betroffenen.
Sie thematisiert, wie beispielsweise auch ihre Freundin und Künstlerkollegin Hannah Höch, sowohl die gesellschaftliche Stellung der Frau im Allgemeinen, als auch die ihr zugestandene Rolle innerhalb der politischen wie künstlerischen Avantgarde. Auch in der Boheme blieben Künstlerinnen die Ausnahme. Sie stießen oft auf Widerstand der männlichen Kollegen. Obwohl sich diese oft dem Kampf gegen das Patriarchat und der sexuellen Befreiung verschrieben hatten, blieb das Bild der Frau Ausdruck männlicher Sehnsuchtsfiguren.
In der künstlerischen und feministischen Avantgarde wurden Themen wie die gesellschaftliche und politische Gleichstellung der Frau, der Abtreibungsparagraph, das Aufbrechen zementierter Machtverhältnisse und Rollenzuschreibungen diskutiert. Im Gegensatz zu den meist erotischen Frauendarstellungen ihrer männlichen Kollegen verweigerten sich die Künstlerinnen oftmals der ungebrochenen Darstellung des weiblichen Körpers und stellten ihn stattdessen entfremdet, amputiert oder versteckt dar. Auf diese Weise und mit Szenen vom Geschlechterkampf wurden gesellschaftliche Zwänge der patriarchalen Gesellschaft vor allem von Künstlerinnen wie Gertrud Ring oder Hannah Höch zum Ausdruck gebracht. Sie demonstrieren in ihren Bildern die objektfetischistische Zerstückelung des weiblichen Körpers ebenso wie seine der „Kaufverführung“ dienende Maskierung. Die Thematisierung von erotischen Wünschen, von erfüllter oder unerfüllter Sexualität, die selbstbewusste Darstellung „starker“ Frauen, zeugen vom Entstehen eines weiblichen Selbstbewusstsein jenseits männlicher Sehnsuchtsfiguren. Das Spiel mit geschlechtlichen Rollen und Identitäten, die Absage an traditionelle Zeichen der Weiblichkeit samt ihrem damit verbundenen Regelwerk an Verboten und Geboten ist im Werk der Künstlerinnen ein ständiger Balanceakt zwischen gesellschaftlicher Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zwischen Realität und Wunschbild, zwischen Maske und Person, Fremdbestimmung und eigenem Wesen.

Gertrud Rings Bildthemen spiegeln sich in ihren literarischen Arbeiten wieder. Sowohl in ihren Schriften wie auch in ihren Bildern sind die Befindlichkeit der Frau, ihre Verfügbarkeit und ihr daraus resultierender Platz in der patriarchalischen Gesellschaft zentrale Themen.
Zwischen 1925 und 1927 entstehen die literarischen Arbeiten „Die schwankende Weltkugel“, „Panorama im Herzgebirge“, und „Augenehe, Kuckucksmond und Zahnradbahn.“→19. Gertrud Ring, Surrogate, in: AIZ 45 (1929), 8
Gertrud Ring etabliert sich in den Jahren in Berlin zwischen 1919 bis 1932 nicht nur als Künstlerin der Berliner Avantgarde, sondern positioniert sich auch gesellschaftspolitisch gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus.
Sie schreibt Texte für das politisch-linke Agitprop-Theater und macht sich als Publizistin, die für den Sozialismus und die Emanzipation der Frau eintritt, einen Namen.
Zwischen 1928 und 1932 veröffentlicht sie mehr als 50 Artikel politischen Inhalts in linken Zeitschriften. Hier ein kurzer Auszug: aus „Surrogate“: „Arbeiterin! Der Klassenkampf wartet auf Dich, auf Deinen Schritt, auf Dein Wort, Deine Tat.(…)Hart ist dein Schicksal. Hart ist die Arbeit deines Mannes. Hart ist das Leben deiner Kinder! Hart ist der Kampf deiner Klassengenossinnen: Sie brauchen deine Hand.“ Wie sich hier zeigt, wendet sie sich in ihren Artikeln vor allem an das weibliche Publikum. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit tritt Gertrud Ring auch gemeinsam mit Thomas Ring im politischen „Sturm“ Kabarett auf, für welches sie Stabpuppen anfertigt, von denen einige erhalten geblieben sind. Im „Sturm“ Kabarett tritt Thomas Ring auch als Grotesktänzer auf, Gertrud begleitet ihn dazu am Klavier.
Thomas und Gertrud Ring gründen gemeinsam die Agitprop Theatergruppe „Die Roten Sensen“, für die Gertrud als Autorin und Schauspielerin tätig ist.
Auch hier setzt sie sich sehr stark für die Rechte der Frau ein und will dazu ermutigen, sich aus der männlichen Dominanz zu befreien. Diese kurze von ihr verfasste Szene ist das einzige noch erhaltene schriftliche Relikt dieser Theatergruppe: „1.Person:“ In allen Ländern rütteln Frauen an den Ketten“ 2.Person: „Lehnen sich auf“ 3. Person: Kämpfen, zerbrechen tausendjährige Fesseln“ 4. Person: „Nicht Feuerstelle und Kochherd“ 5.“Nicht Nähzeug und Kinderwiege beschränken ihren Bereich.“→210. Gertrud Ring, Internationaler Frauenkampf, in: Das Rote Sprachrohr 2 (1930), 19
1931 nimmt Gertrud Ring an einer Journalistenkonferenz in Moskau teil.
Gertrud und Thomas Ring entschließen sich, mit ihren zwei Kindern bereits Ende November 1932 Berlin zu verlassen, da sie als moderne Künstler aus dem Kreis der Avantgarde und als linke Intellektuelle von den Nationalsozialisten bedroht werden.

Fußnoten   [ + ]

1. 9. Gertrud Ring, Surrogate, in: AIZ 45 (1929), 8
2. 10. Gertrud Ring, Internationaler Frauenkampf, in: Das Rote Sprachrohr 2 (1930), 19