Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Die folgenden Jahre in Berlin bis 1932 sind für Gertrud Ring prägend und schöpferisch, obwohl ihre existentielle Situation schwierig ist. Gleich nach der Hochzeit mit Thomas Ring gibt sie ihre Stelle in der „Sturm“– Buchhandlung auf. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war die notariell festgelegte Verfügung des Vaters von Gertrud, dass sie über ihre Aussteuer allein verfügen müsse. Doch auch diese beträchtliche Geldsumme ist bald verbraucht.
Thomas muss unter anderem als Bauarbeiter Geld verdienen. Zunächst wohnt die Familie noch in der Wohnung von Thomas Rings Eltern in Berlin. 1922 wird ihr Sohn Erp geboren.1926 beziehen Thomas und Gertrud ein barackenähnliches Haus im Südosten vor der Stadt, in Senzig. Hier kommt 1927 ihr zweiter Sohn Thore zur Welt.
„Leider gingen die drei glücklichen, unabhängigen Jahre in Senzig rasch zu Ende. Freizügig hatte man wie bisher die Zimmerwände und Treppengeländer im Flur in kräftigen Farben gestrichen, so dass es deswegen zu harten Auseinandersetzungen mit dem Hausbesitzer kam. Der Streit endete damit, daß beim Auszug als Entschädigung Gertruds Klavier zurückbehalten wurde und sie nun in Berlin – und bis an ihr Lebensende – auf ihr Lieblingsinstrument verzichten musste.“→15. Erp Ring, Werkstadtblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S. 9

Diesen Verlust konnte die leidenschaftliche und begabte Musikerin Gertrud Ring schwer verwinden.
Den Haushaltsbüchern, die Gertrud Ring führt, entnimmt man die unterschiedlichsten Einnahmen, von denen Gertrud und Thomas den Unterhalt der Familie bestreiten müssen. Angeführt wird darin die Arbeitslosenunterstützung für Thomas, Honorare für veröffentlichte Aufsätze, Horoskopbesprechungen und Lebensberatungen, die sowohl Thomas als auch Gertrud durchführen. Den Aufzeichnungen entnimmt man auch, dass es hauptsächlich Gertrud ist, die sich um alles Organisatorische und Finanzielle kümmert und daneben auch noch den Haushalt führt.

Gertrud ermutigt Thomas, sich nicht nur dem „Sturm“, sondern auch anderen Künstlergruppierungen wie der „Novembergruppe“, den „Dadaisten“, den „Abstrakten“, den „Juryfreien“ und dem „Bauhaus“ zuzuwenden. Darüber hinaus vertieft Gertrud Ring aber auch ihre eigenen künstlerischen Interessen. Sie schreibt und beginnt 1920 als Autodidaktin zu malen.
Sowohl ihr schriftstellerisches wie auch ihr bildnerisches Werk ist autonom, nicht an den Arbeiten ihres Mannes orientiert, dennoch ist diese „Künstlerpaarbeziehung“ sowohl für Gertrud wie auch für Thomas Ring wechselseitig befruchtend und „ (…)es gab 25 Jahre lang kaum eine Arbeit, die der andere nicht ganz genau kannte und kritisch begutachtete.“→26. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S. 4
Der Maler Otto Nebel, der eine Berliner Dachstube bewohnt, die zuvor von der Familie Ring gemietet war, erinnert sich 25 Jahre später: “Ich sehe deutlich jenen kleinen, von ihr an die Wand der Dachstube gezeichneten Fisch (…)“, und er spricht von der unmittelbaren Wirkung ihrer ersten Arbeiten „(…)auf das Gemüt und die Vorstellung“.→37. Erp Ring, Thomas und Gertrud Ring. Zwei Künstler im Spiegel ihrer Zeit. Archiv Günter Eisenhut in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz. Ordner Gertrud Ring, S.2 Bereits 1926 und 1928 stellt sie erstmals in der großen „Berliner Kunstausstellung“ aus. Sie wird Mitglied der „Abstrakten“, einer internationalen Künstlervereinigung von Expressionisten, Futuristen, Kubisten und Konstruktivisten.
Die meisten ihrer uns heute bekannten Arbeiten sind Aquarelle. Die in Berlin entstandenen Ölgemälde sind verschollen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind von ihr 250 Bilder bekannt.
In ihren bildnerischen Werken ist sie vom Konstruktivismus, Kubismus, Expressionismus und Surrealismus beeinflusst, ihr Oevre verweigert sich letztlich aber einer stilistischen Einordnung – und einer stringenten Entwicklungslinie. Man kann sie als Universalistin bezeichnen.
Von Anfang an ist Gertrud Ring von der Kinderzeichnung beeinflusst, wie viele Künstler und Künstlerinnen der Avantgarde. Ihr Frühwerk ist geprägt von Frauen- und Kinderportraits sowie von Familienbildern, in denen bereits ihre gesellschaftspolitische Haltung sichtbar wird.

Fußnoten   [ + ]

1. 5. Erp Ring, Werkstadtblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S. 9
2. 6. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S. 4
3. 7. Erp Ring, Thomas und Gertrud Ring. Zwei Künstler im Spiegel ihrer Zeit. Archiv Günter Eisenhut in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz. Ordner Gertrud Ring, S.2