Annette Rainer – Zu Leben und Werk von Gertrud Ring

Gertrud Pauline Ernestine Schröder wird am 15. Mai 1897 als ältestes von drei Kindern in Landsberg an der Warthe geboren. Ihr Vater ist Klavierbauer, ihre Eltern führen ein Pianohaus und eine Musikalienhandlung und lassen Gertrud eine Ausbildung als Pianistin angedeihen. In ihrem 16. Lebensjahr leitet sie bereits die elterliche Musikalienhandlung.
Als selbstbewusste, aufgeschlossene junge Frau ist sie Mitglied der Jugendbewegung „Wandervogel“ und beginnt sich bald vom bürgerlichen Elternhaus zu lösen.
Ihr Interesse für Literatur führt sie nach Emden, wo sie sich zur Buchhändlerin ausbilden lässt.
1919 geht sie zunächst nach Freiburg und dann in die Hauptstadt Berlin, wo sie Leiterin von Herwarth Waldens „Sturm“– Buchhandlung wird.
Hier knüpft sie erste Kontakte zur Berliner Avantgarde und es ist zu vermuten, dass sie in dieser Zeit auch beginnt, ihre eigenen künstlerischen Neigungen und Talente zu forcieren.
1920 lernt sie in diesem Umfeld den aus der englischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Schriftsteller und Maler Thomas Ring, kennen.
Gertrud hilft Thomas Ring, der über fünf Jahre von Berlin abwesend war, den Kontakt zu seinen früheren Künstlerfreunden und Kollegen, wie etwa Hannah Höch, Oskar Nerlinger und Otto Nebel wieder aufzunehmen. Sie macht ihn mit dem Dadasophen Raoul Hausmann bekannt.
Am 16. November 1920 heiraten Gertrud Schröder und Thomas Ring und machen “eine Hochzeitsreise vor der Hochzeit über das Bauhaus in Weimar nach Süddeutschland“.→11. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S.4 Thomas besucht in Weimar am Bauhaus seine Freunde Georg Muche und Otto Nebel. Gertrud und Thomas lernen dort auch die Opernsängerin, Pianistin und Meisterin am Bauhaus Gertrud Grunow kennen.

Der Bauhausleiter Georg Muche erweckt in Thomas Ring das Interesse für Astrologie, und auch Gertrud, die anfänglich der Astrologie gegenüber skeptisch eingestellt ist, wird schließlich zur unterstützenden Kraft und begeisterten Mitarbeiterin bei den astrologischen Forschungen ihres Mannes.
Darüber hinaus wird sie für Thomas Ring zur stützenden Kraft in all seinen Ambitionen.
„Die Bedeutung Gertrud Rings für das Lebenswerk ihres Mannes kann kaum überschätzt werden; sie ist ihm zur treibenden und disziplinierenden Kraft geworden.“→22. Elmar Schübl, Eine knappe historisch-biographische Skizze zu Leben und Werk von Thomas Ring (1892–1983), S. 3
Erp Ring, in Erinnerung an philosophische und erkenntnistheoretische Diskussionsrunden, an denen seine Eltern teilgenommen haben:
„…Scharf setzte Gertruds Kritik ein, wenn Thomas genau wie irgendein anderer Gesprächsteilnehmer nicht sicher und überzeugend in seiner Argumentation war. Nur zu gut war Thomas bis zuletzt in Erinnerung geblieben, wie sie bei bestimmten Unsicherheiten oder Erkenntnislücken ihres Mannes losging, in Bibliotheken, Büchereien, Buchhandlungen herumstöberte, denn dabei war sie in ihrem Element. Zurück kam sie mit einigen Büchern, die sie Thomas vorlegte, bestimmte Seiten aufschlug und dazu erörterte, was genau er lesen und beachten müsse. Wenn Thomas erwiderte, dass ihm das eine oder andere in der Hitze der Diskussion nicht eingefallen sei, ließ sie dieses Argument nicht gelten. „Es hat dir aber einzufallen“ war ihre Antwort. Auf diese Weise brachte sie ihn zu einer gewissen Argumentationssicherheit, was ihm später sehr zum Vorteil gereichte.“→33. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S.7

Die Beschäftigung mit Astrologie ist im Kreis der Avantgarde nicht ungewöhnlich, und auch unter den Freunden von Gertrud und Thomas Ring sind es neben Georg Muche, Herwarth und Nell Walden auch Sophie van Leer, Otto Nebel und Hannah Höch, die sich für Astrologie interessieren.
Für Gertrud Ring nimmt die Astrologie von nun an einen wesentlichen Platz in ihrem Leben ein und inspiriert sie auch zu künstlerischem Schaffen.
1925 widmet sie sich im literarischen Werk „Schaukelluft“→44. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv Erp Ring, Graz den im Tierkreis jeweils einander gegenüberstehenden Tierkreiszeichen wie Widder-Waage, Stier-Skorpion, Zwillinge-Schütze u.s.w.

Fußnoten   [ + ]

1. 1. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S.4
2. 2. Elmar Schübl, Eine knappe historisch-biographische Skizze zu Leben und Werk von Thomas Ring (1892–1983), S. 3
3. 3. Erp Ring, Werkstattblätter 1997/2, Thomas Ring-Stiftung, Hg. Zürich 1997, S.7
4. 4. Nachlass Gertrud Ring, unveröffentlichtes Manuskript, Privatarchiv Erp Ring, Graz